Otto von Bismarck

Tschechische Vertreibungsverbrechen am Beispiel von Aussig

Am 30. Juli 1945 kam es in der örtlichen Munitionssammelstelle zu einer Explosion, die als Anlass für ein Massaker an den dort lebenden Deutschen genommen wurde. Der Großteil der Gewalttaten wurde von ortsfremden tschechischen Miliziönären verübt, die bereits in der Nacht zuvor in Gruppen angereist waren. Die Ereignisse an diesem Tag werden in einem Augenzeugenbericht vom 8. 2. 1951 wie folgt geschildert:

Ich ging an diesem Tage um 10 Uhr vormittags in die innere Stadt. Schon als ich in die belebteren Straßen kam, merkte ich sowohl in der ehemaligen Dresdner als auch in der Schmejkalstraße, daß Soldaten der berüchtigten Svoboda-Garde in ihren bekannten Uniformen alle Deutschen mit weißer Armbinde von den Gehsteigen hinunter jagten oder gar hinunterwarfen. Ich erkundigte mich, was los wäre und erfuhr, daß in der Nacht die Svoboda-Garde erstmalig in Aussig eingetroffen war. Aus den Ereignissen in den anderen Bezirken des Sudetenlandes war mir sofort klar, daß nun harte Zeiten für die Deutschen der Stadt und des Bezirkes Aussig kommen würden.

Am Bahnhof sah ich gerade, wie einem aus Prag kommenden Zug ca. 300 Personen sehr zweifelhaften Aussehens entstiegen. Diese Leute waren ungefähr im Alter von 18 bis 30 Jahren und ich bekam den Eindruck, daß wieder einmal irgendwo eine Strafanstalt entleert worden ist.

Nachmittags 15.30 Uhr saß ich in meiner Wohnung, als plötzlich ein furchtbarer Schlag erfolgte. Im Moment war ich der Meinung, daß im Nebenzimmer ein Schrank umgefallen wäre. Ich sah gleich nach, konnte aber nichts feststellen. Ich vermutete dann sofort eine Explosion und stieg auf das Hausdach. Da sah ich hinter dem Marienberg einen großen Rauchpilz aufsteigen. Es erfolgten auch noch kleinere Explosionen. Ich ging sogleich in die Stadt, eine weiße Armbinde trug ich nicht, und das war mein Glück. Die Jagd auf Deutsche hatte begonnen. Daran beteiligten sich auch die Soldaten der Svoboda-Garde und einzelne russische Soldaten waren dabei ebenfalls zu bemerken. Mit allerlei Instrumenten, wie Zaunlatten, Brechstangen, Schaufelstielen usw., die sie sich irgendwo verschafft hatten, waren diese Elemente bewaffnet. Sie schlugen damit wahllos auf die Deutschsprechenden und weiße Armbinden Tragenden ein, bis diese zusammenbrachen. Ich hatte den Eindruck, daß das nicht die im Bezirk wohnhaften Tschechen waren, sondern vielmehr die, die vormittags mit dem Zug angekommen waren. Für diese Auffassung sprach auch der Umstand, daß sie sich mit Behelfswaffen beholfen haben, die ihnen gerade in die Finger kamen. Ich bewegte mich ungefähr zwei Stunden in der Stadt, was ich dabei sah, war grauenhaft. Sprechen durfte ich natürlich nicht, ich hätte mich sonst als Deutscher verraten.

Da um 15 Uhr Betriebsschluß war und vor allem die bei der Firma Schicht Beschäftigten über die Elbebrücken nach Hause gehen mußten, waren in der Nähe des Marktplatzes und des Bahnhofes die wildesten Gruppen tätig. Frauen mit Kinderwagen wurden in die Elbe geworfen und dann von den Soldaten als Zielscheiben benutzt, dabei wurde so lange auf die Frauen geschossen, bis diese nicht mehr aus den Fluten auftauchten. In das Wasserreservoir am Marktplatz warf man ebenfalls Deutsche hinein und sobald sie wieder hoch kamen, drückte man sie mit Stangen wieder unter das Wasser. Erst gegen 17 Uhr konnte man einige russische Offiziere beobachten, die versuchten, die Straße freizumachen, dabei halfen ihnen auch einige tschechische Uniformierte. Durch Lautsprecher wurde dann ein Ausgehverbot tschechisch verkündet. Am 31. 7. erschien ein gedruckter Anschlag, der anordnete, daß für die Deutschen beschränktes Ausgehverbot besteht und diese ab 18 Uhr nicht mehr auf die Straßen dürfen. Für die Tschechen galt das Ausgehverbot ab 20 Uhr.

Am Abend des 30. Juli wurden die Toten an drei Stellen zusammengetragen und mit Lastautos abtransportiert. An diesen drei Stellen wurden gegen 400 Tote gezählt. Wieviele noch an anderen Stellen abtransportiert wurden und wieviele außerdem die Elbe hinunterschwammen, konnte nicht festgestellt werden. Darüber konnten nicht einmal die eingeweihtesten Kreise des Närodni Vybor Aufschluß geben.

Am 30. 7. abends erfuhr ich dann noch, daß die Absicht bestünde, den ganzen Aussiger Bezirk mitsamt den angrenzenden Bezirken Teplitz und Tetschen-Bodenbach von allen Deutschen zu säubern und diese ins Innere des Landes zu verschicken, wo sie dann zur Zwangsarbeit herangezogen werden sollten. Man beschuldigte die Deutschen offen der Sabotage und der Urheberschaft der Explosion.

Was war nun wirklich geschehen? Im Stadtviertel Schönpriesen war die aus den Maitagen stammende Artillerie-Munition, Panzerfäuste usw. gesammelt gelagert. Nach tschechischer Aussage soll es sich dabei um 2 Millionen Stück aller Art gehandelt haben. Beim Sortieren dieser Munition beschäftigte man Häftlinge aus dem KZ-Lager Lerchenfeld, darunter auch einige prominente Nazi. Diese Häftlinge hatte man am 30. 7. überraschenderweise bereits um 14 Uhr 45 Min. aus den Fabriksanlagen entfernt und es befand sich 40 Minuten vor der Explosion kein Deutscher mehr auf dem Boden der Anlage, sondern nur noch tschechische Bewachungsorgane. Einige Sekunden vor der Explosion flog ein Flugzeug über den Stadtteil — später stellte sich heraus, daß es ein englisches war, das mit der Explosion nichts zu tun hatte, ich habe 1947 mit einem Insassen desselben gesprochen, der mir dabei seine Wahrnehmungen geschildert hat. Dieses Flugzeug spielte anfänglich bei meinen Behauptungen gegenüber tschechischen Stellen, die Ursache der Explosion betreffend, keine geringe Rolle.

Der Polizeileiter des Okresni Närodni Vybor hatte sich zur Zeit der Explosion bei einem deutschen Arzt zur Visite eingefunden (Alibi) und verließ ihn erst nach der Explosion. In der Kanzlei des Okresni Närodni Vybor waren einige Amtspersonen anwesend, darunter auch der Militärkommandant. Dieser verließ sofort nach der Explosion die Kanzlei mit den Worten: „Jetzt machen wir Revolution gegen die Deutschen", und dann begann die Schlächterei.

Ich selbst fuhr am 31. 8. nach Prag, wandte mich dort an einige mir bekannte prominente tschechische Funktionäre und schilderte meine Wahrnehmungen. Dort erklärte ich auch, daß das ein Reichstagsbrand sei, der wohl den Anlaß dazu geben sollte, ein Massaker unter den Deutschen zu veranstalten.

Inzwischen waren auch drei tschechische Minister in Aussig gewesen, darunter auch der General Svoboda. Ich hatte den Eindruck, daß bei den Prager Amtsstellen große Verlegenheit über die Vorgänge in Aussig herrschte. Von unserer Seite wurde auch die Nachricht verbreitet, daß ausländische Journalisten die Vorgänge gefilmt hätten und dieser Film bereits in Sicherheit wäre. Die damalige tschechische Regierung hatte noch einigen Respekt vor der Meinung des westlichen Auslandes. Die Evakuierungsabsichten wurden unterdrückt und eine weitere Verfolgung der Deutschen verboten.

Bezeichnend ist, daß von den damaligen Hauptfunktionären des Okresni Närodni Vybor, die die sogenannte engere Leitung bildeten, heute nur noch ein einziger lebt, die anderen sind inzwischen alle verstorben. Zugegeben muß werden, daß der damalige tschechische Bürgermeister von Aussig, Herr Vondra, mit allen Mitteln versuchte, dem Wüten des zugereisten Mobs Einhalt zu gebieten, er wäre deshalb beinahe ebenfalls in die Elbe geworfen worden.

Ende November 1945 fuhr ich abermals nach Prag und kam mit einem Tschechen aus Schönpriesen ins Gespräch. Dieser sagte mir, daß er zu einer Einvernahme wegen der Explosion als Zeuge nach Prag fahren muß. Er erklärte auch, daß er wie viele andere davon überzeugt sei, daß die Explosion von einer Kamarilla vorbereitet und durchgeführt worden sei und daß auch die Vorgänge nach der Explosion in diesen Vorbereitungsrahmen hineingehörten. Was weiter aus dieser Untersuchung wurde, konnte ich nicht erfahren, da ich den Betreffenden nicht mehr treffen konnte.

Das sind die wahren Vorgänge. Alle anderen Darstellungen, die darüber auch von tschechischer Seite veröffentlicht wurden, entsprechen nicht ganz der Wahrheit. Ebenfalls nicht der Wahrheit entsprechend ist die Darstellung im neuesten Buch von Bruno Brehm „Am Rande des Abgrunds".


Sudentenland/Aussig/Blutbad vom 30. Juli 1945
Berichterin: Therese Mager Bericht vom 11. 8. 1946

Ich wohnte bis zur Evakuierung in Aussig, Teplitzer Straße 36. Am Nachmittag des 30. Juli 1945 ging ich um 15.30 durch die Schönpriesener-Straße nach Aussig. Plötzlich hörte ich aus der Richtung der Zuckerfabrik Schönpriesen Detonationen und sah hierauf auch Rauchwolken aufsteigen. Zur gleichen Zeit begannen die Tschechen das Gerücht auszustreuen, daß die Deutschen die Explosion verursacht hätten und begannen eine Verfolgung aller derer, die weiße Armbinden trugen. Ich selbst stand im Sanitätsdienst und war durch eine Rot-Kreuzbinde deutlich als Schwester gekennzeichnet. Die Tschechen stürmten durch alle Straßen, schlugen die Deutschen nieder oder schössen auf sie, wenn sie das Weite suchten.

Ich selbst lief zur Elbebrücke und sah hier, wie Hunderte deutscher Arbeiter, die aus den Schichtwerken kamen, in die Elbe geworfen wurden. Auch Frauen und Kinder sowie Kinderwagen stießen die Tschechen in den Strom. Es waren meistens schwarz uniformierte Tschechen mit roten Armbinden (SNB-Leute). Sie warfen Frauen und Kinder, die sich nicht wehren konnten, von der 20 Meter hohen Brücke in die Fluten. Ich selber vermied es, die Brücke zu überschreiten, sondern lief, nachdem ich diese schrecklichen Szenen gesehen hatte, durch die Töpfergasse zurück zum Aussiger Schulplatz. Dort begab ich mich in das Ordinationszimmer meiner Chefin N., wo bereits 4 Verwundete anwesend waren. In diesem Augenblick kam dann N. selbst, die einen Schwerverwundeten von der Straße hereingezogen hatte. Es handelte sich um den 70 Jahre alten Josef Hörn aus Aussig, der drei schwere Kopfverletzungen aufwies und dem man den Hals durchschnitten hatte. Wir brachten den Hörn zum Krankenhaus, wo man zunächst die Aufnahme verweigerte und den alten Mann erst nach langem Bitten in Pflege nahm. Die Massenverfolgung der Deutschen dauerte bis in den späten Abend. Wir hörten aus allen Ecken und Straßen Schreie und Weinen. Weder eine Behörde noch die russische Besatzungsmacht schritten gegen diesen Massenmord ein. Zahlreiche Deutsche, die sich aus der Elbe schwimmend gerettet hatten, wurden durch Maschinengewehre beschossen. In Aussig schätzte man die Gesamtzahl der auf solche Weise ums Leben Gekommenen auf 800 bis 1000.

Am 31. Juli ebbten die Verfolgungen ab. Die Deutschen, die sich wieder auf die Straße trauten, mußten die Gehsteige verlassen und wurden, wenn sie das nicht sogleich begriffen, verprügelt. Alle, die weiße Binden trugen, waren von dieser Zeit an jeder Willkür ausgesetzt und wurden wie Freiwild behandelt.

Ich bekräftige diese Angaben mit meiner eigenhändigen Unterschrift und bin jederzeit bereit, sie unter Eid zu wiederholen.
 

Sudentenland/Aussig/Massaker.
Berichter: Herbert Schernstein. Bericht vom 9. 12. 1945

Ich war schon vor dem Kriege Mitglied der Kommunistischen Partei und bin von 1938 bis 1945 in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Sachsenhausen und Ravensbrück gewesen. Am 8. Juli kam ich aus dem KZ nach Aussig zurück, wo die Tschechen gerade meine Mutter evakuiert hatten. Trotz meiner Ausweise (Kommunistische Partei und KZ) traf ich überall auf schroffe Ablehnung. Mit den Worten „Nemec jest nemec! (Deutscher ist Deutscher) wurde mir überall gesagt, daß ich keine Aufnahme finden könne. Viele meiner ehemaligen Genossen wurden trotz der Antifaschistenausweise ebenso behandelt. So wurde meinem Freunde Willi Krebs in Leitmeritz, welcher der Gründer der Kommunistischen Partei in Prödlitz war, schon vor 2 Monaten binnen 5 Minuten sein Lebensmittelgeschäft weggenommen. Die Tschechen und Kommunisten unterstützten uns in keiner Weise. Ich bin auch der Überzeugung, daß sich viele faschistische Elemente in der KPC befinden. So befindet sich in Aussig ein Kriminalinspektor Dibisch, der heute der größte Kommunist zu sein vorgibt, mich selbst vor dem Kriege aber ob meiner kommunistischen Parteizugehörigkeit verfolgte.

Über die Vorkommnisse bei der großen Explosion neben der Zuckerfabrik in Schönpriesen, bei der an die 1000 Deutsche ums Leben kamen, kann ich genaue Angaben machen, weil ich zufällig auf der Fahrt nach Aussig dort vorbeikam. Es handelte sich um die Explosion eines Granatenlagers, welches neben der Zuckerfabrik Schönpriesen, der während des Krieges eine chemische Fabrik angeschlossen war, errichtet ist. Die Tschechen sprachen die Schuld an der Explosion den Deutschen zu und gingen gegen sie in brutaler Weise vor. Nach 4 Uhr nachmittags trieben Angehörige der Svoboda-Garde alle Deutschen aus den umliegenden Häuserblöcken aus ihren Wohnungen und hetzten sie massenweise in den Elbestrom. Ich sah Frauen und Kinder in den Wellen verschwinden, auf der Ferdinandshöhe hatten sich tschechische MG-Nester eingegraben, die von dort aus auf die im Strom treibenden Deutschen schossen. Meiner Schätzung nach sind an die 1000 Deutsche durch dieses Vorgehen ums Leben gebracht worden. Besonders scharf gingen die Tschechen gegen deutsche Antifaschisten vor, die durch rote Armbinden gezeichnet waren. Die Tschechen erklärten, daß diese Deutschen mit die Hauptschuld an dem Ereignis trügen. Viele Deutschen, so die mir bekannte Tochter der Familie Klinger aus Prödlitz, sind heute noch vermißt.

Viele Deutsche wurden in das Lager nach Lerchenfeld getrieben, wo sie unter den kümmerlichsten Verhältnissen leben mußten. Das Lager wurde später nach Schöbritz verlegt. Dort konnte man oft die gelbe Fahne sehen, welche Außenstehende wegen ansteckender Krankheiten vor dem Besuch warnten und „Vorsicht, Hungertyphus!" bedeutete. In Schöbritz starben täglich 300—400 Deutsche an dieser Seuche. Ehemalige KZ-Häftlinge, darunter ein gewisser Vlcek und der Arbeitseinsatzführer Cuba, gingen besonders rücksichtslos gegen die deutschen Häftlinge vor und übertrumpften bei weitem die mir selbst bekannten und am eigenen Leibe erfahrenen KZ-Methoden der Nazi.
 

Sudentenland/Aussig/Massenmord.
Berichter: Max Becher Bericht vom 14. 12. 1846

Am 30. 7. 1945 explodierte in einem Vorort von Aussig (Schönpriesen) ein Munitionslager. Natürlich sollten das die Deutschen gewesen sein, jedenfalls benützten die Tschechen diesen Vorwand, um die Deutschen zu überfallen.
Aussig liegt am linken Elbeufer, mein Arbeitsplatz, die Firma Georg Schicht AG., in Schreckenstein am rechten Ufer. Eine einzige Brücke führt über die Elbe.

Um 16.30 Uhr nach Arbeitsschluß wurden wir beim Fabrikstor gründlich nach Waffen untersucht, vor dem Aufgang zur Brücke noch einmal. Wer einmal auf der Brücke war, durfte nicht mehr zurück. Am Aussiger Ufer empfingen uns Hunderte von Tschechen mit Knüppeln und Eisenstangen. Ich hatte schon einige schwere Kopfverletzungen, meinem Begleiter, einem 67-jährigen Obermeister, wurde vor mir der Kopf eingeschlagen. (Er wurde, wie ich später erfuhr, in die Elbe geworfen und dann 10 km stromabwärts ans Ufer geschwemmt.) Mir wurde dann gesagt, ich soll einen am Gehsteig liegenden Toten, der den Schädel zertrümmert hatte, in eine nahe Grube tragen und wenn ich zurückkomme, sei ich an der Reihe, erschlagen zu werden. Ich mußte dann meinen Rock ausziehen und die Blutlache aufwischen, da fielen die Schläge auf mich ein. Es gelang mir aber doch weiterzukommen, jedoch verfolgte mich ein Tscheche bis in eine Nebengasse. Er hatte einen 5—8 cm starken Knüppel und dieser Mann brachte mir die schwersten Verletzungen bei; er ließ erst von mir ab, als er wahrscheinlich glaubte, daß ich tot sei. Ich kam dann wieder zu Bewußtsein und mit Hilfe von zwei Tschechen kam ich in eine Wohnung, deren deutsche Bewohner die Rot-Kreuz-Station verständigten. Mit Tragbahre wurde ich abgeholt und kam durch einige glückliche Zufälle am selben Tag um 22 Uhr noch ins Krankenhaus, was für mich die Lebensrettung bedeutete. Meine Verletzungen waren: 3 Rippen gebrochen, linker Unterarm gebrochen, 6 Kopfverletzungen, die mit 23 Stichen genäht wurden, der ganze linke Arm, den ich zur Abwehr über den Kopf gehalten hatte, war derartig verschwollen, daß der Unterarmbruch erst zufällig bei einer Durchleuchtung 2 Monate nachher festgestellt wurde. Krankenhausaufenthalt vom 31. VII.—20. X. 45. Heimpflege vom 20. X. bis 19. XI. 1945.

Die Folgen bis heute sind starkes Schwindelgefühl beim Kopf heben und Aufwärtsschauen, Schmerzen an der Rippenbruchstelle bei Anstrengung und Witterungswechsel.


Sudentenland/Aussig/Beraubung eines Blinden.
Berichter: Franz Habelt Bericht vom 6. 11. 1946

Am 5. 7. v. J. mußte ich, wie viele andere „Aussiedler", in 10 Minuten meine Wohnung räumen, um ins russische Gebiet evakuiert zu werden. Dabei wurden mir zahlreiche Geigenbestandteile und Saiten usw. entwendet, die mir als blindem Musiker sehr wertvoll waren. Durch Vorsprache einer deutschen Ärztin, Schiel, wurde mir dann die Rückkehr in die Wohnung ermöglicht. Am 2. 9. ds. J. wurden mir vom Kulturreferenten Antonin Tyc zwei Meistergeigen aus den Jahren 1700 und 1866 beschlagnahmt. Die beiden Geigen hatte ich 1913 auf einer Auktion in Wien erworben. Bei der Aussiedlung wurden mir die Federbetten abgenommen, ferner eine Aktentasche mit Berufswerkzeugen, die ich zur Reparatur von Instrumenten als Klavierstimmer und Musiklehrer dringend brauche. Ferner verlor ich mein gesamtes Notenmaterial, darunter Manuskripte eigener Kompositionen. Dadurch bin ich in meiner weiteren Existenz als Blinder schwer geschädigt.
 

Sudetenland/Aussig/Blindentransport.
Berichterin: Martha Rauscher Bericht vom 6. 11. 1946

Seit Beginn des Jahres waren Verhandlungen mit dem Internationalen Roten Kreuz und den zuständigen tschechischen Behörden, auch mit dem tschechischen Hygieniker der Prager Universität betreffs Aussiedlung der Anstaltsblinden und der berufstätigen Blinden und ihrer Familienangehörigen aus Aussig im Gange. Auf Intervention des Internationalen Roten Kreuzes war beabsichtigt, den Blinden die Mitnahme eines Teiles ihrer Habe über das sonst übliche Maß hinaus zu gestatten. Das tschechische Gesundheitsministerium hatte sogar schon die Bereitstellung eines Sanitätszuges zugesagt. Durch Quertreibereien einer tschechischen Gruppe in Aussig kam der Transport in der beabsichtigten Form schließlich nicht zustande. Trotzdem wurden wir bis zum letzten Augenblick in dem Glauben belassen, daß der Transport unter günstigen Bedingungen durchgeführt werden sollte. Schließlich aber gestattete der Kulturreferent Tyc in Aussig den blinden Berufsmusikern nicht einmal die Mitnahme der für ihren Erwerb nötigen Musikinstrumente, obwohl eine Verordnung bestand, daß zum Erwerb notwendige Gegenstände und Werkzeuge allgemein ausgeführt werden dürfen. Ebenso wurde dem blinden Schriftsteller Hacker und einem blinden Stenotypisten die Mitnahme der Schreibund Stenomaschinen mit Blindenvorrichtung nicht gestattet. Durch die Verhandlungen hatte sich der Transport zwar bis in die kalte Jahreszeit verzögert, wurde aber schließlich genau so wie jeder andere Ausgewiesenentransport durchgeführt, obwohl die Transportteilnehmer die Verzollungen des Gepäcks und andere Sondergebühren aus eigener Tasche zahlen mußten, wie es sonst bei bevorzugten Transporten üblich ist.

In den letzten Monaten war bereits unter den Blinden eine solche Not gewesen, daß sie sich vielfach nicht einmal das tägliche Brot kaufen konnten, da sie durch die Verhältnisse erwerbslos geworden waren und trotz zahlreicher Vorsprachen keinerlei Unterstützung für sie zu erlangen war, obwohl den deutschen Arbeitern allgemein 20%> ihres Lohnes zur Unterstützung Erwerbsunfähiger abgezogen wurden. Ich selbst wurde mehrmals mit Lagerhaft bedroht, da ich mich für die Blinden einsetzte. Am 29. 10. v. J. wurden wir trotz meiner Bitte, die Blinden nicht durch das Aussiedlungslager gehen zu lassen, in das Lager Schöbritz befohlen. Die Verhältnisse im Lager waren grauenvoll. Wir mußten auf blanken Brettern schlafen und am nächsten Tage wurden wir bei strömendem Regen ab 7 Uhr aus den Baracken gejagt und mußten mit dem gesamten Handgepäck stundenlang im Regen stehen, bis wir verladen wurden. Statt der zugesagten 24 Waggons wurden wir in 8 Waggons mit dem gesamten Gepäck zusammengepfercht. Durch den Regen ist das Gepäck zum großen Teil verdorben. In jedem Waggon waren 30 Personen mit dem gesamten Gepäck untergebracht, so daß viele Personen nicht einmal sitzen konnten. Die Verpflegung von Dienstag früh bis Mittwoch abends bestand nur aus schwarzem Kaffee, aus einer ungenießbaren Suppe, die keiner essen konnte und aus etwas Brot. Infolge der Strapazen und Aufregungen, die durch die ganze unmenschliche Art des Transportes hervorgerufen wurden, sind eine Reihe von alten Leuten zusammengebrochen. In Wiesau mußten zwei Leute mit Psychosen und ein Mann mit totaler Erschöpfung ins Krankenhaus abgegeben werden. Einige andere schwere Fälle von Erschöpfung wurden auf Wunsch der Angehörigen bis Augsburg in einem zu diesem Zweck erst in Wiesau beigestellten Krankenwagen mitgenommen. Von diesen letzteren starb in Augsburg Frau Witek im Krankenrevier des Regierungslagers B.
 

Sudetenland/Aussig/KZ Lerchenfeld und Schöbritz
Berichter: Heinrich Michel

Es war am 16. Mai 1945 um 17 Uhr, als ich im Auftrage des Polizeipräsidenten von Aussig, Douda, noch in Arbeitskleidern aus meinem Hause (ich war selbständiger Tischlermeister in Aussig-Prödlitz) abgeführt wurde. Meine Frau konnte mir noch rasch trockenes Brot zustecken. Von meinen Bewachern kannte ich den Partisan Walter Svoboda aus Aussig-Prödlitz, Lange Gasse 116. In Aussig, im Kohlensyndikat, wo Douda residierte, angekommen, schrie mir jener, von Russen umgeben, entgegen: „Du Bandit, Du Gauner, Du Schuft, Du Gestapohengst!" Mich nach Waffen durchsuchend, riß er das Brot aus der Tasche und warf es mir ins Gesicht mit den Worten: „Ich lasse Dich erschießen!" Douda war früher Oberkellner in der Turnhalle. 1938 wanderte er nach Rußland aus. Nachdem mir sämtliche Wertsachen abgenommen worden waren, ging es ins Gerichtsgefängnis in Zelle 8. In Vorahnung des kommenden Tschechenterrors hatte ich den Gedanken gefaßt, mir das Leben zu nehmen. Doch von den anderen Zellengenossen, den Eibtalmaler Podlebnik, Aussig-Salesel, wurde ich eines Besseren belehrt. Podlebnik hatte man eingesperrt, weil er angeblich Waffen-SS-Leute bewirtet hätte. Podlebnik hielt es für den Gehässigkeitsakt eines ansässigen Tschechen, da er die ganzen 14 Tage vor seiner Verhaftung keinen Waffen-SS-Mann mehr zu Gesicht bekommen habe. Stündlich kamen neue Leidensgenossen an, so daß wir bald neun Personen in unserer Zelle waren. Waffenhändler Strowik, Rechtsanwalt Knöspel, Heller und andere. Es war am zweiten Tag nach meiner Einlieferung, neuer Zuwachs kam oder stolperte vielmehr herein und brach zusammen. Ein bestialischer Gestank breitete sich bald aus. Dem Manne, der vor uns lag, drang der Kot zum Kragen und den Hosenbeinen heraus.

Was war hier vor sich gegangen? Auf meine Vorsprache beim Beschließer, einem Kroaten, konnten wir den Unglücklichen ausziehen und im Luftschutzwasser, das zwar schon wochenlang nicht gewechselt war, wenigstens reinigen. Zu unserem Entsetzen fanden wir vom Nacken bis zu den Füßen keine handtellergroße Stelle, die nicht blutunterlaufen war. Wir glaubten nicht, daß der vor uns Liegende mit dem Leben davonkomme. Doch er erholte sich wieder. Der Mißhandelte hieß Heller, stammte aus Staditz bei Tschochau und war Vorarbeiter in den Staditzer Kabelwerken. Wie Heller später erzählte, war der Grund für seine Verhaftung, daß er in seiner Stellung als Vorarbeiter den Sabotage-Akt eines Tschechen dem Besitzer des Werkes, Herrn Wild, gemeldet hatte. Ihm war es gelungen, zu entfliehen. Zweimal durchwatete er die Biela. Nach einer regelrechten, von den Partisanen veranstalteten Treibjagd wurde er eingekreist, nach Staditz zurückgebracht und hier in einem Keller schwer mißhandelt. Als Pfingsten herankam, waren wir insgesamt ungefähr 180 Inhaftierte. Pfingstsamstag abends, alle Zellentüren waren gerade geöffnet, erschien ein Partisan (sein rein tschechischer Name ist mir entfallen) und schrie: „Ich bin Leutnant der Partisanen. Jetzt werde ich Euch zeigen, wie man einen SS-Hund erledigt!" Dabei leerte er eine 1/4-Liter-Flasche mit Schnaps. Aus Zelle 15, in der alle Waffen-SS- und SS-Angehörigen untergebracht waren, wurde Willi Künstner, der Personalchef der Firma Schicht und Ehrenmitglied der Allgemeinen SS war, herausgeholt und geschlagen, gestoßen, niedergeschlagen, hochgezerrt und wieder von neuem niedergeschlagen und so in einem fort. Wir schlössen unsere Türen und hielten uns die Ohren zu. Als wir wieder zu öffnen wagten, sahen wir gerade, wie der Zusammengestürzte von zwei SS-Männern in die Zelle gezogen wurde. Diese war sowieso schon so überfüllt, daß für einen Liegenden kein Raum war. Auf vieles Vorsprechen wurde Künstner mit einem Stoßwagen ins Krankenhaus gebracht. Auf Umwegen erfuhren wir am nächsten Tag, daß Künstner im Krankenhaus nicht mehr zum Bewußtsein erwacht und gestorben ist. Ein 18-jähriger Waffen-SS-Angehöriger in meiner Zelle, der erst später in Zelle 15 kam, einziges Kind einer Witwe in Türmitz, erst im März 1945 zur Waffen-SS eingezogen, war so mißhandelt worden, daß er jedesmal einen Nervenschock bekam, wenn nur die Tür geöffnet wurde. Wohin er aus Zelle 15 kam, weiß ich nicht.

Die Lebensverhältnisse im Gerichtsgefängnis waren denkbar schlecht. Als Verpflegung gab es täglich morgens etwas schwarzen Kaffee, mittags 2—3 Kartoffeln mit Würfelsoße und für den ganzen Tag 100 g Brot. 8—9 Personen hausten ständig in jeder Zelle von 9 m2. Ein unbedeckter Eimer mußte für jede Notdurft benutzt werden. So war es für uns eine Erleichterung, als Arbeitskommandos zusammengestellt wurden. Allerdings war dadurch wieder mehr Gelegenheit zu Mißhandlungen gegeben, besonders bei den schwere Arbeit ungewohnten Intelligenzlern. Es mußte Verpflegungsgut der deutschen Wehrmacht, Fässer mit Butter, mit ölsardi-nen usw. am Bahnhof entladen und in dem ehemaligen Kaufhaus Jepa eingekellert werden. Die Begründung für unsere Hungerrationen, daß nämlich unsere deutschen Bruderschweine alles mitgenommen, war also nicht stichhaltig. Besonders von halbwüchsigen 16—18-jährigen Partisanen wurde ich damals oft geschlagen.

Zur Entlastung des Gerichtsgefängnisses wurden wir 50 Mann am 29. 5. 1945 in das ehemalige Luftwaffenlager nach Lerchenfeld gebracht. Zuerst mußten wir die Zustände, die Ungarn und durchziehende russische Soldaten hinterlassen hatten, beseitigen. Es war befohlen, jeden Weg im Lager im Laufschritt zurückzulegen, was für die Älteren unter uns, z. B. den ungefähr 74-jährigen Regierungsbeamten Galle, Bürgermeister Nittner u. a. eine unmenschliche Qual bedeutete. So mußten von früh bis abends die Wehrmachtsspinde aus dem Lager im Laufschritt in die Magazine, die oben am Berg lagen, hinaufgeschleppt werden. Ich persönlich hatte das Glück, durch einen mir bekannten tschechischen Schlosser, der bei Schlossermeister Schiller in Prödlitz gelernt hatte, als Kapo herausgezogen und damit von der schwersten Arbeit verschont zu werden. Ich organisierte im Lager einen Stoßwagen, so daß vier von den Älteren fahren und gehen konnten. Die bewachenden Partisanen verboten diese Beförderung, doch konnte ich beim Lagerkommandanten Vrsa vorsprechen und ihn überreden, daß auf diese Weise sogar vier Spinde befördert werden könnten. Aus dem Gerichtsgefängnis kamen nun ständig neue Gruppen an, so daß wir bis Ende Juni auf 1000 Gefangene angewachsen waren, die in 13 Blocks untergebracht wurden. Davon wurden vier mit Frauen belegt. Später wurden alle Festgenommenen, es handelte sich zumeist um willkürlich zusammengeschleppte Menschen, nicht mehr über das Gerichtsgefängnis, sondern direkt nach Lerchenfeld eingeliefert. Von Beginn der Lagerzeit an war ein einarmiger, ungefähr 20-jähriger Mensch als Läufer verwendet worden. Er hatte alle Befehle der Lagerleitung weiterzugeben und genoß dadurch eine gewisse Freiheit. Eines Abends kehrte er nicht zurück. Sofort wurden die Umliegenden Dörfer, in denen die im Lager bediensteten Partisanen untergebracht waren, von der Lagerleitung verständigt. An dieser Treibjagd beteiligten sich fast alle Partisanen des Lagers, die Lagerbewachung zwischen 80—120 Mann. Noch spät in der Nacht erfuhren wir, daß der Entflohene in der Nähe in einem Wald angeschossen worden war. Am nächsten Vormittag mußten wir einzeln an der Bahre des Erschossenen vorüberziehen. Im vorangegangenen Appell hatte Lagerkommandant Vrsa geschrien: „So ergeht es jedem, der zu entfliehen versucht."

Für alle Vorkommnisse, die ich von der Lagerzeit Lerchenfeld und auch Schöbritz anführe, nenne ich als Zeugen Waffenhändler Strowik-Aussig, Hoffmann-Nestomitz, Holina, Chefingenieur der Solvay-Werke, den Prokuristen der Solvay-Werke, den Vorstand der Innungskrankenkasse (ich möchte den Namen nicht nennen, da er jetzt noch verschollen ist), Hübsch von der Angestelltenkrankenkasse, Schuhmachermeister Heller, Wenzel Behr, Angestellter der DAF, beide Brüder Mieke-Türmitz, von denen der eine Prokurist bei Tuch-Hübel war, und alle Insassen von Block 1, dem ich angehörte und der sämtliche Handwerker und Schreiber, die für das Lager gebraucht wurden, umfaßte. Gewöhnlich wurde es eingerichtet, daß die neuankommenden Trupps Eingefangener, dies konnten 30—50, aber auch 100 Mann sein, abends eintrafen, wenn alle Lagerinsassen auf ihren Blocks sein mußten. Vom Fenster unseres Blockes 1 aus konnten wir aber gut beobachten, wie die Ankunft vonstatten ging. Deutschlandlied, SA-Lieder mußten gesungen und ein Hitler-Bild vorangetragen werden. Vom Schlagbaum bis zur Verwaltungsbaracke hieß es Spießruten laufen, das bedeutete, daß ungefähr eine Strecke von 40 bis 50 m beiderseits von Partisanen gesäumt war, die unbarmherzig mit Ochsenziemern zuschlugen. Am schlimmsten gebärdeten sich dabei die weiblichen Partisanen, darunter besonders eine Karbitzerin, deren Name meinem Mitgefangenen Kohberger aus Karbitz bekannt sein dürfte. SA-Angehörige wurden gesondert vorgenommen. Sie bekamen 25 Schläge mit Ochsenziemer oder Gummiknüppel auf das bloße Hinterteil. Im Oktober waren wir auf ungefähr 3.5 Tausend angewachsen. Jeden Tag gingen 2.5 Tausend zur Arbeit. Am 30. Juli 1945, dem Bluttag von Aussig, war ein Kommando nicht von der Arbeit zurückgekehrt. Wie schon erwähnt, war ich Zimmerältester von Block 1, dem Block der Handwerker und Schreiber für das Lager. So erfuhr ich manches, was die meisten nicht wußten, durch den Steuerberater Hahnel, Aussig, Hauptmann, Aussig, Stephan, hoher Beamter an der Aussiger Hauptpost, akad. Maler Ungermann, Bürgermeister von Reichenberg (dieser wurde später nach Reichenberg gebracht). Besonders Lutz Wolfrum, Likörfabrikant Schönpriesen, mußte viel wissen, da er Schreiber des politischen Leiters war und später auch die Vorarbeiten für die Volksgerichtshofprozesse mit über hatte. Durch diese Schreiber erfuhren wir auf Block 1 also, daß als Bericht über das nicht zurückgekehrte Arbeitskommando ausgegeben wurde: „Bei der Explosionskatastrophe ums Leben gekommen." Nach den Berichten der Augenzeugen vom Blutmassaker in Aussig waren diese Männer aller Wahrscheinlichkeit nach dem Pöbel in die Hände gefallen. Die vorhin genannten Schreiber sind auch Zeugen für die Erschießung des Nollendorfer Emil Luprich. Unauslöschlich in meiner Erinnerung wird mir ein Samstag im August sein, ich glaube, es war der 10., als der 22-jährige Nollendorfer Emil Luprich, der im Frühjahr 1945 erst zur Waffen-SS eingezogen worden war, vor allen 3000 Lagerinsassen standrechtlich erschossen wurde. Am Vortage waren zwei Männer von einem Arbeitskommando ausgerissen. Am Samstag Abend gegen 17 Uhr 30, einer uns ungewohnten Zeit, ertönte die Lagerglocke. „Alles ohne Ausnahme antreten" hieß es. Lagerkommandant Vrsa erschien, total betrunken, auf seiner üblichen Rednertribüne. Sein Reden war ein einziges Schimpfen. Zum Schluß schrie er, daß als Strafe für die beiden Haftentflohenen jeder Zehnte erschossen werde. Die umliegenden Barackendächer waren von Partisanen mit MGs besetzt. Die Partisanen repetierten und machten fertig. Wir waren auf alles gefaßt. Leid taten uns nur die ungefähr 1300 Frauen, die zwar ruhig, aber leichenblaß uns gerade gegenüberstanden. Da begann Vrsa von neuem zu schimpfen. Schuld seien eigentlich die Kapos, alle Kapos müßten erschossen werden. Sämtliche Kapos mußten nun in Fünferreihen nebeneinander antreten. Nachdem dies geschehen, widerrief sich Vrsa, jeder 10. Kapo werde erschossen. Ich glaubte mit unter den Genannten gewesen zu sein, denn ein Partisan trat auf mich zu und wechselte meinen Platz. Meine Tischlerarbeiten kamen eben den Herrn Partisanen auch viel persönlich zugute. Aber auch dieser Befehl kam nicht zur Ausführung. Wir ahnten hinterher, daß durch dieses ganze Manöver eine Panikstimmung erzeugt werden sollte, die dann bei einem noch zu erwartenden Höhepunkt zum Ausbruch kommen und Anlaß für ein Blutbad bilden sollte. Ungefähr eine Stunde standen wir schon auf dem Appellplatz. Vrsa schimpfte nochmals los, diesmal auf die Frauen. Deutsche Huren, SS-Huren wären sie alle. Ein neuer Befehl erging, „alle SS- und Waffen-SS-Angehörigen vortreten!" Die SS-Leute waren laufend in besondere Lager abtransportiert worden. Leider hatten wir unter uns noch 5 Waffen-SS-Leute, die aus dem Karbitzer Lager zu uns gekommen waren. Die fünf wurden nun in den ehemaligen Wehrmachtsbunker abgeführt. Wie wir später erfuhren, mußte unter ihnen gelost werden. Das Los fiel auf den jungen Nollendorfer. Vrsa hatte uns inzwischen erklärt, er wolle nicht so sein wie wir, er wolle Gnade vor Recht ergehen lassen, aber eine Strafe müsse sein. Als die SS-Männer wieder antraten, rief er: „Es wird hier im Namen der Republik einer erschossen! Das Urteil wird sofort vollzogen!" In 10 m Entfernung nahm das Kommando vor dem „Verurteilten" Aufstellung. Mit erhobenen Händen flehte der junge Nollendorfer um Gnade. Da riß Vrsa einer Frau das Tuch vom Kopfe. Damit wurden dem Todeskandidaten die Augen verbunden. Vrsa wiederholte das Urteil in tschechischer Sprache. Das Urteil wurde vollstreckt. Der lange tschechische Partisan, dessen Kugel die tödliche war, wurde danach nie mehr im Lager gesehen. Wir sahen Emil Luprich in seiner Blutlache liegen. „ Tauber!" schrie Vrsa. Tauber, der Lagerarzt, stellte durch seine Untersuchung fest, daß noch Leben in dem Niedergeschossenen war. Luprich bekam nun noch einen Kopfschuß. Es war einige Minuten vor 20 Uhr. Ein kurzer Befehl ordnete an, der Platz müsse bis 20 Uhr geräumt sein. Nur die Besonnenheit unseres Lagerältesten, der sofort die nötigen Befehle zur Räumung gab, nicht zuletzt aber der Haltung unserer Frauen war es zu verdanken daß es nicht doch noch zu der wohl noch immer von den Tschechen so sehr herbeigewünschten Panik kam. Auch für mich kam eine qualvolle Zeit, als nämlich der Prödlitzer Skala, ein Eisenbahnersohn, und Huttig, der im Prödlitzer Schloß wohnte, als Partisanen nach Lerchenfeld kamen. Huttig schlug mich mit dem Ochsenziemer, den jeder Partisane im Stiefelschaft trug, bis ich bewußtlos zusammenbrach. Wenn ich wieder zu mir kam, gingen die Schläge von neuem los. Als ich Huttig später einmal im Beisein eines anderen Tschechen namens Vacek frug, warum er mich schlug, erklärte er mir, ich hätte ihn als 12-jährigen Jungen vom Schützenfest gewiesen, als er Kuchen gestohlen hatte. Ich frug ihn noch, ob ich ihn damals auch geschlagen hätte. „Nein" mußte er zugeben. In Prödlitz rühmte sich Skala dann jedesmal, den Tischlermeister Michel geschlagen zu haben. In dieser Zeit mußten mich meine Lagerkameraden überwachen, daß ich mir nicht das Leben nahm. Eines Tages, das Datum ist mir entfallen, wurde ein Vater mit seinem Sohn, der erst nachts zuvor von der Wehrmacht ins Elternhaus zurückgekehrt war, eingeliefert. Vor dem Tore des KZ versuchte der Sohn zu fliehen. Dabei wurde er mit einer Maschinenpistole niedergeschossen. Der Vater mußte nun den Erschossenen auf einem Schubkarren ins Lager fahren, wobei er dauernd schwer geschlagen wurde.

Schlagen gehörte zur Tagesordnung. Geringste Vergehen gegen die Lagerordnung wurden mit 25—50 Schlägen bestraft. Ein Vergehen war es, wenn ein Häftling mit einer Frau sprach, auch wenn es die eigene Frau war. Beide bekamen dann je 25 Hiebe. Oder wer beim Brief schmuggeln erwischt wurde. Wie schon erwähnt, wurde die erste Zeit jeder bestraft, der nicht im Laufschritt das Lager durchlief, sondern einmal ruhig stehen geblieben war. Es genügte für die Bestrafung die Angabe der Partisanen. Um deren Wahrheit bekümmerte sich niemand, Verteidigung gab es nicht. Die Strafen wurden jeden Abend beim Appell vollzogen. Der zu Bestrafende mußte ein Bierfaß herbeiholen und sich darüberlegen. Dann schlugen zwei Partisanen mit dem Ochsenziemer auf ihn ein. Sollte eine Frau bestraft werden, wurde ihr Kopf zwischen die Beine eines Partisanen genommen, ihr Mund zugehalten und dann hauptsächlich die Nierengegend bearbeitet. Danach mußten sich die Gefangenen bedanken. Der 70-jährige Oberlehrer Meixner aus Prödlitz wurde einmal mit 50 Hieben bestraft, weil er angeblich ein Brot gestohlen hatte. Meixner aber hatte das Brot vom Bäcker, der das Lager belieferte, bekommen, konnte dies aber nicht sagen, da sonst der Bäcker auch in das Lager gekommen wäre. Meixner sah fürchterlich aus. Sein Rücken und Hinterteil waren blutunterlaufen, die Geschlechtsteile riesenhaft angeschwollen. Wir glaubten, daß Meixner daran zu Grunde gehen würde. Er überstand es. Heute lebt er in der amerikanischen Zone.

Anfang Oktober wurde das Lerchenfelder Lager, das von Russen belegt wurde, nach Schöbritz verlegt. Dieses Lager mußten wir uns erst herrichten. Die erste Zeit, die kalten Nächte begannen schon, hausten wir im Freien. Für alle, außer Block 1, begann dann eine schwere Leidenszeit. An zerlegbaren RAD-Baracken mußten die Zwischenwände entfernt, in 1 Meter Höhe Baumstämme und darauf die Zwischenwand gelegt werden, und so bis unter die Decke, so daß jede Baracke 3—4-stöckig wurde. Jede dieser Baracken wurde mit zwei Blocks, das sind 500 Mann, belegt. 13 Blocks waren wir insgesamt. Stroh gab es nicht, auf dem bloßen Boden mußte geschlafen werden, eingeschachtet wie die Heringe. An Säuberung war nicht zu denken, die Luft zum Schneiden und ein einziger Gestank. Drehte sich einer im Schlafe oder wollte er auf den Eimer gehen, dann weckte er gleichzeitig seine nächste Umgebung. Daß diese Menschen dabei untereinander friedlich blieben, war zum Verwundern. Unter dem Vorwand irgendwelcher Reparaturen kam ich öfters in die anderen Baracken, wenn ich illegale Pakete in meinem Werkzeugkasten weiterschmuggelte. Wir in Block 1 hatten jeder unser Bett, wenn auch zwei- und dreistöckig übereinander. Nicht aus Liebe zu uns genossen wir diese Bevorzugung von Seiten der Tschechen, sondern wie schon gesagt, weil sie unsere Arbeit für ihre eigensten persönlichen Zwecke oft und oft ausnutzten. Dann kam der 13. November 1945, ein grauenhafter Tag, grauenhaft für die Beteiligten und für die, die tatenlos zuschauen mußten, wie deutsche Menschen, deren ganzes Verbrechen nur darin bestand, daß sie Deutsche waren, zu Tode gequält wurden. Am Vortage waren zwei Kameraden von einem Kommando entwichen. Am 13. durfte nun Block 8, dem die beiden angehört hatten, nicht zur Arbeit gehen. Um V28 Uhr hieß es: „Block 8 zum Frühsport antreten." Block 8 versammelte sich. Ich hörte durch das Fenster, wie Vrsa ironisch zu ihnen sagte, das deutsche Volk turne ja so gerne, also sei dies ja eigentlich keine Strafe für sie. Daraufhin wurde zum Appellplatz marschiert, von dem erst vor einigen Tagen der Rasen entfernt worden war; der Lehmboden war also noch glitschig. Das „Turnen" begann: Auf, nieder, Kniebeuge, Liegestütz, so ununterbrochen bis 11 Uhr. Unterernährte und zum Teil schon ältere, gebrechliche Menschen waren es, die hier turnen mußten. Wer nicht mehr konnte, bekam Schläge. Von einem alten Zaun wurden Latten losgerissen und damit unbarmherzig auf die Menschen losgeschlagen. Neben mir standen noch Hoffmann von Nestomitz und Kreisamtsleiter der NSV Stroppe am Fenster. Wir mußten uns abwenden und gingen in unsere Werkstatt, Turnprofessor Langhammer von Prödlitz hat diese Traktierung mitgemacht. Nach diesen qualvollen Stunden hieß es, daß Block 8 nachmittags, völlig gereinigt, wieder anzutreten habe. Dies bedeutete, daß das Drillichzeug ausgewaschen, und da es bis zum Nachmittag unmöglich trocken sein konnte, naß wieder angezogen werden mußte. Durch den Lagerarzt Tauber erfuhr ich, daß dieser Tag 9 Todesopfer und gegen 20 Verletzte, die ins Revier gebracht worden waren, gekostet hatte. Die Verpflegung hatte mengenmäßig zugenommen. Sie bestand hauptsächlich aus Kartoffelwalzmehl, wovon die ehemaligen Wehrmachtsmagazine voll waren. Hungern mußten wir weiter. Den Kameraden, die viel für die Tschechen persönlich arbeiteten oder die bei Schicht oder in der Glashütte verpflegt wurden, erging es besser. Die Wasserversorgung des Lagers war katastrophal. Aus alten Brunnen der Umgebung wurde es mit Wasserfässern herbeigeschafft. Von Ende Oktober bis Dezember wütete im Lager Hungertyphus. Eines Tages sah ich eine Autokolonne des Roten Kreuzes mit ausländischen Wagenzeichen vorfahren. Tauber, der gerade den Lagerplatz überquerte, wurde angesprochen. Die Unterhaltung hatte ungefähr 15 Minuten gedauert, als Vrsa hinzukam. Nachdem die Kommission eine Baracke besichtigt hatte, verließ sie das Lager wieder.

Am Heiligen Abend gab es einen großen Appell, das ganze Lager mußte vor einem mit elektrischen Lichtern geschmückten Weihnachtsbaum antreten und auf Befehl „Stille Nacht, heilige Nacht" singen. Als sich plötzlich die Verpflegung besserte, wußten wir, daß ein anderer Wind wehte. Die Kranken bekamen Haferschleim mit Zucker, Vrsa erklärte in der Küche, diese Anordnungen seien streng einzuhalten, damit wir nicht wieder Grund zur Beschwerde hätten.

Am 13. Januar 1946 wiederholte sich der 13. November. Die Zahl der Todesopfer ist mir nicht bekannt. Ich sah nur, wie Tote auf Bahren gleich ins Leichenhaus gebracht wurden und viele Verletzte ins Revier kamen. Eines Tages sah ich von der Küche aus mit Heilpraktiker Riedel, Konditor Wendt-Aussig, Polizist Hacker-Türmitz, Schlattner-Königswald zu, wie ein ungefähr 18-jähriges Mädchen von der Brust bis zu den Knien herunter an einen Birnbaum festgebunden und dann von vorbeigehenden Partisanen ins Gesicht geschlagen wurde. Da kam ein Auto gefahren, dem ein mir unbekannter Herr entstieg. Wohl auf seinen Einspruch hin wurde das Mädchen kurze Zeit darauf losgebunden. Es mußte mit einer Tragbahre ins Revier gebracht werden.

Wir erfuhren später, daß Schlagen und Mißhandeln im Lager verboten sei. Offiziell hatte dies auch den Anschein, aber inoffiziell ging es weiter, nur wurden jetzt alle einzeln in Keller von Häusern gebracht, so daß man nichts mehr vom Mißhandeln sehen und hören konnte. Nun möchte ich noch vom Ende Taubers berichten. Meines Erachtens war seine Unterhaltung mit der ausländischen Kommission die Ursache für seinen Tod. Wenn auch Tauber nach außen hin gegen manchen Lagerkameraden streng sein mußte, so wagte er doch viel und versuchte, das allgemeine Los zu verbessern. Ich persönlich war öfters anwesend, wenn er sich mit Vräa auseinandersetzte. Eines Abends erscholl von Block 13 her der Ruf: „ Tauber!" Block 13 stand nicht weit vom Stacheldrahtzaun. Tauber hatte das Recht, nachts mit der Laterne in der Hand die Blocks, von denen er gerufen wurde, aufzusuchen. Am nächsten Morgen war Tauber tot, niemand bekam ihn zu sehen. In der Nacht waren 2 Häftlinge entflohen. Es hieß nun, Tauber wollte in der Nacht türmen und dabei sei er von den wachhabenden Partisanen niedergeschlagen worden. „So ergeht es jedem, der über den Stacheldraht heim ins Reich will!" verkündete Vrsa. Unter uns hieß es, Tauber mußte sterben, weil er sämtliche Totenscheine auf Herzschwäche, Altersschwäche, Entkräftung ausstellen mußte. Als ich einmal einige Tage krank lag, hatte Tauber mir gegenüber geäußert: „Wenn das gut ausgeht und ich hier lebendig herauskomme, dann habe ich Glück gehabt. Aber das glaube ich nicht, ich weiß zuviel."

Ende Jänner kamen wir dann wieder nach Lerchenfeld. Die Volksgerichtshofprozesse begannen. Wegen Kleinigkeiten, die oft ganz privater Natur waren und die jetzt hervorgezerrt wurden, z. B. wenn ein Tscheche mit einem Deutschen eine Auseinandersetzung hatte und sie sich gegenseitig beleidigten, wurden 2—3 Jahre Haft verhängt. Wegen einer angeblichen Ohrfeige wurde Hergesell Josef von Prödlitz zu zwei Jahren verurteilt. Dieser hält sich jetzt in Deutschland auf. Wo, ist mir unbekannt. Schubert, der in den Kupferwerken in Pömmerle arbeitete, wurde zu 10 Jahren verurteilt, weil er Sabotage eines Tschechen verhindert hatte. Ich selbst blieb vom Volksgerichtshof verschont, mein persönlicher Gegner Douda war inzwischen gestorben, nachdem man ihn sämtlicher Ämter enthoben und selbst 8 Tage eingesperrt hatte und weil der tschechische Polizeiinspektor Klimesch von Prödlitz seine Anzeige, ich hätte ihm 1938 sein Speisezimmer, 50 kg Schrauben und 20 m Holz gestohlen, nicht aufrecht erhalten konnte. Am 16. September 1946 wurde ich mit dem Vermerk, daß ich meinen Heimatort nicht mehr betreten dürfe, nach Thüringen abgeschoben.

Ich habe in diesem Bericht nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit gesagt.