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Russel Grenfell Bedingungsloser Hass

Russell Grenfell

Bedingungsloser Hass?

Die deutsche Kriegsschuld und Europas Zukunft


Titel der englischen Originalausgabe: "Unconditional Hatred"
Deutsche Übersetzung von Egon Heymann.
Verlag Fritz Schlichtenmeyer, 281 Seiten, Tübingen.

Am 28. Juni 1914, ein Jahr nach Abschluss der Balkankriege, wurde Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronerbe des betagten Kaisers Franz Joseph, mit seiner Gemahlin während eines Besuches in Sarajewo in Bosnien ermordet. Diese slawische Provinz, die Serbien für sich beanspruchte, war früher von den Türken beherrscht, 1877 aber mit Zustimmung Russlands von Österreich okkupiert worden. Auf dem Berliner Kongress 1878 wurde Österreich auch das Recht zugestanden, Bosnien-Herzegowina zu annektieren, wann immer es dies zu tun wünsche. Von diesem Recht machte Österreich im Zusammenhang mit der jungtürkischen Revolution in Konstantinopel im Jahre 1908 Gebrauch. Das erregte in Serbien einen Sturm der Empörung, und der Ruf nach einem Krieg gegen Österreich wurde laut.

Erzherzog Franz Ferdinand war, wie man hinzufügen muss, bekannt für seine liberale und versöhnliche Einstellung, und es wurde allgemein erwartet, dass er nach der Thronbesteigung, die bei dem hohen Alter seines Onkels sehr bald erfolgen musste, alles tun würde, um die slawischen Teile seines Reiches mit der österreichischen Herrschaft zu versöhnen. Seine Ermordung, bei der, wie die Österreicher damals annahmen und was heute auch die Meinung der Historiker ist, die serbische Regierung ihre Hand im Spiel hatte, wenn Belgrad den Mord nicht sogar organisierte, bedeutete für die österreichische Regierung den Höhepunkt der serbischen Herausforderung. Die österreichischen Staatsmänner wussten, dass die Serben seit Jahren Komplotte zur Aufspaltung des österreichischen Reiches schmiedeten und dass sie dabei von Russland unterstützt und aufgehetzt wurden. Mit Recht oder Unrecht kam die österreichische Regierung zu dem Schluss, dass die Ermordung des Großherzogs den entscheidenden Punkt in der österreichisch-serbischen Frage darstellte: wenn Österreich-Ungarn nicht untätig zusehen wollte, wie es nach und nach aufgeteilt wurde, war jetzt der Moment gekommen, der serbischen Aggression Einhalt zu gebieten. Wenn die bedrohlichen serbischen Absichten vereitelt werden sollten, so musste jetzt den Serben eine scharfe Lektion erteilt werden.

Kann man Österreich ernstlich aus dieser Haltung einen Vorwurf machen? Ganz gewiss nicht. Wien konnte bessere historische Ansprüche auf Bosnien geltend machen als Serbien, da dieses Gebiet lange vor dem Eindringen der Türken entweder zu Westrom oder zum Königreich Ungarn gehört hatte, das jetzt unter einem Kaiser mit Österreich vereint war. Aus dieser geschichtlichen Entwicklung ergab sich auch, dass die Bosniaken römisch-katholisch waren, soweit sie nicht zum Islam übergetreten waren, während die Serben zur griechisch-orthodoxen Kirche gehören.

Wien wartete etwa einen Monat und sandte am 23. Juli 1914 eine scharfe Note nach Belgrad. Darin wurden verschiedene drastische Maßnahmen verlangt, die der antiösterreichischen Agitation und feindseligen Betätigung ein Ende machen sollten.

Was würde England getan haben? Als London 1920 vor einer ähnlichen Lage in Irland stand, handelte es in ganz der gleichen Weise wie Österreich 1914, indem die stärksten Zwangsmittel gegen die irisch-republikanische Armee angewandt wurden, die offen versuchte, Irland von englischer Herrschaft zu befreien. Langwierige und rücksichtslose Operationen wurden gegen die irischen Guerilla-Kräfte durchgeführt, wobei von beiden Seiten schreckliche Grausamkeiten begangen wurden, auf englischer Seite hauptsächlich durch die Sondereinheit der »Black and Tans«, die sich aus Verbrechertypen zusammensetzte. Mitten während des Feldzuges erklärte Lloyd George als Premierminister öffentlich, dass es "mit Mördern kein Händeschütteln geben werde". Am Ende schüttelte er ihnen aber doch die Hand, teils, weil der irische Gegner so zäh war, teils weil die Amerikaner auf der anderen Seite des Atlantik den englischen Löwen in den Schwanz zwickten. Wäre aber der Prinz von Wales von irischen Verschwörern während eines Besuches in Dublin ermordet worden, so würde ohne jeden Zweifel der englisch-irische Kampf noch erbitterter gewesen sein und noch länger gedauert haben.

Besonders gefährlich war das österreichische Vorgehen natürlich deshalb, weil es ganz Europa in einen Krieg verwickeln konnte. Man wusste, dass Russland Serbien deckte; eine Strafaktion gegen Serbien konnte also die Russen auf den Plan rufen. Russlands Kriegseintritt musste Deutschland und vielleicht Italien an die Seite Österreichs bringen, was dann wieder Frankreich zur Unterstützung Russlands aufrufen würde und vielleicht auch England. Hätte Österreich also nichts gegen die Mörder seines Thronerben unternehmen, nichts tun sollen, um der fortgesetzten und offen zugegebenen Unterminierung der Grundlagen des Reiches durch die Serben Einhalt zu gebieten? Wer das von einem Staate verlangt, der sich fraglos aggressiven Absichten eines Nachbarn gegenübersieht, verweigert ihm das Recht der Selbstverteidigung.

Die Frage, ob ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien zu einem allgemeinen Kriege führen würde, hing von Russlands Verhalten ab. Der Friede war zu retten, wenn Russland die Serben nicht unterstützte. Deutschland und ebenso England wünschten bekanntlich keinen Krieg. Es ist wahr, dass Deutschland, jedenfalls im Anfangsstadium der Krise, Österreich nicht an einer drastischen Aktion gegen die Serben zu hindern suchte. Aber Berlin konnte auch kaum anders handeln; Deutschlands ganze Strategie und Politik stützte sich auf den Dreibund mit Österreich und Italien. Das Vertrauen in die Bündnistreue Italiens war mit Recht nicht groß. Es blieb also Österreich als Deutschlands wahrscheinlich einzige Stütze. Wenn die Serben ungehindert ihre Intrigen und Pläne zur Zerstörung des Habsburger Reiches fortsetzen konnten, so mochten sie sehr wohl eines Tages dabei Erfolg haben, und Deutschland hätte sich dann einer feindseligen Gruppierung Frankreichs, Russlands und wahrscheinlich Englands gegenübergesehen. Es war für Deutschland eine Lebensfrage, dass Österreich-Ungarn intakt blieb und dass deshalb die serbische Verschwörung in Schranken gehalten wurde.

Engländer der Generation von 1914 werden sich der damals sehr volkstümlichen Meinung erinnern, dass Deutschland als militärischer Koloss Europas andere Nationen durch die Bedrohung mit seiner riesigen Armee terrorisiere. Eine leidenschaftslose Prüfung der strategischen Tatsachen wird indessen ergeben, dass die Sache sich für deutsche Augen ganz anders ausnahm. Die Vorkriegsschätzungen der Kriegsstärke der verschiedenen Armeen setzten das französisch-russische Übergewicht gegenüber den Mittelmächten (ohne Italien) auf 700 000 bis 1,2 Millionen Mann an, und zweifellos fehlte es unter den Deutschen, trotz ihrer scheinbaren Selbstsicherheit und prahlerischen Zuversicht, nicht an Furcht vor Russlands Millionenheeren. Angesichts des jämmerlichen russischen Zusammenbruchs im Kriege mag das nachträglich schwer zu glauben sein, aber wie man weiß, sehen voraus liegende Gefahren immer besonders schrecklich aus. Die Engländer, die doch eindeutig die führende Seemacht waren, ließen sich aus Sorge vor der unterlegenen deutschen Flotte in Unruhe und in die Arme Frankreichs und Russlands, der beiden traditionellen Feinde der englischen Geschichte, treiben. Kein Engländer hat also das Recht, es in Zweifel zu ziehen, dass Deutschland ernste Sorge über die Bedrohung seitens der überlegenen russischen Armee empfinden konnte. (1914 war die Friedensstärke sowohl der russischen wie der französischen Armee größer als die der deutschen Armee.) Man braucht den Leser gewiss auch nicht erst davon zu überzeugen, dass die westliche Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten auf der anderen Seite des Atlantik, sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs von akuter Sorge über die, den Berichten zufolge, ungeheure Größe der heutigen russischen Kriegsmaschine beherrschen lässt.

Wenn Deutschland 1914 guten Grund hatte, in der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand eine Bedrohung nicht nur Österreichs, sondern der eigenen Existenz zu sehen, so hat Russland - und das ist mehr als eine bloße Vermutung - darin eine willkommene Gelegenheit erblickt. Russland musste der Mord als der Funke erscheinen, den man zur Flamme jenes allgemeinen europäischen Krieges anfachen konnte, den - wofür heute gewichtige Gründe sprechen - sowohl Russland wie Frankreich schon früher zu provozieren entschlossen waren: St. Petersburg, um die Meerengen zu erlangen, Paris, um Elsaß-Lothringen wieder zu bekommen.

Oder nicht so sehr Russland und Frankreich, sondern Sassonow und Poincare mit ihrer beiderseitigen kriegstreiberischen Gefolgschaft, denn der Krieg, schreibt Sir Patrick Hastings, "ist das Werk von Einzelnen, nicht von Nationen". Damit dürften die verschiedenen Interessen Österreichs und Deutschlands auf der einen und Russlands auf der anderen Seite im Zusammenhang mit der Sarajewoer Krise hinreichend klar sein. Österreich hielt die serbischen Machenschaften und Bestrebungen für eine tödliche Bedrohung der Fortexistenz des Habsburger Reiches - was sie zweifellos auch waren - und war sich im Klaren darüber, dass es entweder Serbien die Möglichkeit zu weiteren antiösterreichischen Umtrieben nehmen musste oder den, wahrscheinlich baldigen, Untergang des Reiches erleben würde. Wenn aber irgendwann etwas unternommen werden musste, so bot die Ermordung des österreichischen Thronfolgers durch, wie zugegeben wurde, serbische Terroristen den denkbar günstigsten Anlass zur Begründung einer solchen Aktion. Die Österreicher waren also entschlossen, es darauf ankommen zu lassen. Ein energisches und sofortiges Vorgehen konnte zum Erfolge führen. Wenn aber nicht, wenn es Europa in einen Krieg stürzte, und wenn dieser Krieg zur Katastrophe für Österreich werden sollte, - nun, so mochte das Kaiserreich Österreich-Ungarn ebenso gut kämpfend untergehen, wenn es schon zum Untergang bestimmt war. Eine solche Argumentation mag das österreichische Vorgehen 1914 rechtfertigen oder nicht, auf jeden Fall ist sie aber verständlich.

Deutschlands Interesse lag in einer Lokalisierung des österreichisch-serbischen Streites, so dass die Österreicher mit den Serben verfuhren, wie diese es verdienten, ohne dass andere Mächte in die Sache verwickelt wurden. Russland andererseits war an einer Unterstützung Serbiens interessiert und war auch entschlossen, den Mord von Sarajewo als Zünder eines allgemeinen Krieges zu benützen, wie sein Verhalten während der Krise klar anzeigt.

Englische Historiker stellen mit Vorliebe die serbische Antwort auf die österreichische Note als außerordentlich versöhnlich hin, da doch sämtliche österreichischen Forderungen, bis auf zwei, angenommen worden seien. Ich bin nicht dieser Auffassung, denn gerade die beiden abgelehnten Forderungen waren die Schlüsselforderungen, von deren Erfüllung eine wirksame Erfüllung der übrigen abhing. Der ganze Rest konnte, auch wenn die Serben formal zustimmten, leicht umgangen oder zur Farce gemacht werden. Die serbische Note, die ohne Frage auf Grund französischer, wahrscheinlich auch russischer Ratschläge entworfen wurde, konnte mithin als eine sehr geschickte Antwort betrachtet werden, die, ohne echte Zugeständnisse zu machen, die Last der Kriegsschuld auf die Österreicher abschieben sollte. Aber die Österreicher waren entschlossen, die Beziehungen abzubrechen, falls ihre Forderungen nicht voll und ganz erfüllt würden.

Die serbische Antwort wurde dem österreichischen Geschäftsträger in Belgrad am 25. Juli 6 Uhr nachmittags übergeben. Bereits vorher hatten die Russen aber Maßnahmen zur Einleitung der Mobilmachung beschlossen, die am nächsten Tag ins Werk gesetzt wurden. Am 28. Juli 11 Uhr erklärte Österreich Serbien den Krieg. Unverzüglich erging von St. Petersburg der Befehl für den nächsten Schritt in der Mobilmachung. Deutschland hatte bis dahin nicht die geringsten Mobilmachungsmaßnahmen ergriffen und tat es auch nicht am 28. Juli. Im Gegenteil. Der Kaiser ließ dem Generalstab mitteilen, dass ein Krieg unwahrscheinlich sei. Außerdem wurde der deutsche Botschafter in Wien telegrafisch angewiesen, der österreichischen Regierung dringend Mäßigung nahe zu legen.

Am 29. Juli schickte der deutsche Generalstab, der vom Beginn der russischen Teilmobilmachung Kenntnis hatte, dem Kaiser ein Memorandum, das angesichts der militärischen Vorbereitungen Russlands auf die Gefahr hinwies, die Deutschland aus eigener Untätigkeit erwachsen musste. Aber weder an diesem Tage und noch nicht einmal am nächsten, wurde in Deutschland die Mobilmachung angeordnet. Dies beweist nach Meinung von Lowes Dickinson, dass Deutschland in diesem Zeitabschnitt "aufrichtig bemüht war, den Krieg zu vermeiden. Was diese Bemühungen zum Scheitern brachte, war der Lauf der Ereignisse in Russland".

Denn am Abend des 29. Juli wurde der Beschluss zur totalen Mobilmachung der russischen Armee gefasst, der allerdings im letzten Moment durch einen Gegenbefehl widerrufen wurde, den der Zar aus eigener Initiative erließ, nachdem er ein auf Zurückhaltung drängendes Telegramm des Kaisers erhalten hatte. In diesem Zeitpunkt waren die russischen militärischen Maßnahmen in Paris und London bekannt, und Sir Edward Grey hatte den deutschen Botschafter gewarnt, dass England im Falle eines allgemeinen Krieges voraussichtlich an der Seite Frankreichs und Russlands gegen Deutschland und Österreich in den Kampf eingreifen werde. Deutschland übte daraufhin einen starken Druck auf Österreich aus, eine Vermittlung anzunehmen und so entgegenkommend wie möglich zu sein.

Am frühen Morgen des 30. Juli begann der russische Außenminister gemeinsam mit dem russischen Generalstab den Zaren zu bedrängen, sein Veto gegen die totale Mobilmachung wieder umzustoßen. Bis zum Nachmittag 4 Uhr blieb der Zar standhaft. Dann gab er nach und die Telegramme gingen hinaus. Der damit beauftragte General "verschwand" auf Grund vorheriger Abmachungen, um jede Möglichkeit eines etwaigen neuen Gegenbefehls zu verringern oder auszuschalten.

Zur gleichen Zeit wurden dringende Appelle nach zwei verschiedenen Seiten ausgesandt. Sir Edward Grey bat von London aus die deutsche Regierung dringend, jeden nur möglichen mäßigenden Einfluss in Wien geltend zu machen; es gibt eine Fülle von Beweisen, dass dies auch geschehen ist. Umgekehrt wurde Sir Edward wiederholt von den Deutschen ersucht, eine ähnliche Aktion in St. Petersburg zu unternehmen und zwar besonders in Bezug auf die russische Mobilmachung. Das Beweismaterial dafür, dass er dies auch tat, ist leider nicht so groß, wie ein Engländer es wohl wünschen möchte.

Am 31. Juli konnten die Deutschen, die zwei volle Tage lang selbst Vorsichtsmaßnahmen gegenüber der russischen Mobilmachung unterlassen hatten, sich ein längeres Abwarten nicht mehr leisten. Die Nachricht von der am 30. Juli 6 Uhr früh befohlenen russischen Totalmobilmachung traf in Berlin erst am 31. Juli 11.30 Uhr ein. Um 13.45 Uhr gingen die entsprechenden Befehle für Deutschland hinaus.

Zwei Stunden später sandte Deutschland ein Ultimatum an Russland, dass die Einstellung der Mobilmachung verlangte. Dieses Ultimatum könnte scheinbar die Verantwortung für den tatsächlichen Ausbruch des Weltkrieges auf Deutschlands Schultern legen, Fairness gebietet aber, dagegen anzuführen, dass eine totale Mobilmachung zweier einander so feindseliger Staaten, wie es Russland und Deutschland damals waren, nach übereinstimmender Auffassung sämtlicher Generalstäbe den unvermeidlichen Krieg zwischen ihnen bedeutete. Wenn der Krieg aber kommen musste, dann war es natürlich für jedes betroffene Land von lebenswichtiger Bedeutung, jeden nur möglichen Vorteil für den Erfolg der eigenen Waffen zu gewinnen. Einer der Hauptvorteile Deutschlands gegenüber Russland war ein leistungsfähigeres und schnelleres Mobilmachungssystem, und, um es voll zum Tragen zu bringen, musste Deutschland zum Schlag gegen den Feind ausholen, sobald die eigene Mobilmachung beendet war. Das gilt besonders gegenüber einem zahlenmäßig überlegenen Gegner wie Russland, der, wenn man ihm Zeit zur Durchführung seiner Mobilmachung ließ, bevor er angegriffen wurde, seine größere Zahl zum Einsatz und zur höchsten Wirkung bringen konnte. Tatsächlich sah der deutsche Plan für einen französisch-russischen Krieg allerdings vor, zuerst die Franzosen kampfunfähig zu machen und sich erst danach gegen die Russen zu wenden. Der Zeitfaktor blieb aber deswegen von der gleichen dringenden Bedeutung. Daher also die Notwendigkeit eines deutschen Ultimatums. Wenn nichts unternommen wurde, so war anzunehmen, dass die Russen die Kriegserklärung hinausschieben würden, bis alle ihre weit verteilten Divisionen an der deutschen Grenze versammelt waren; der deutsche Vorteil schnellerer Mobilmachung wäre damit zunichte gemacht worden. Es war für die Deutschen lebenswichtig, einer solchen Entwicklung vorzubeugen.

Es ist also, glaube ich, durchaus klar, dass der Schritt zu einem allgemeinen europäischen Kriegsbrand durch Russland bestimmt wurde. Hätte Russland nicht mobilisiert, so kann als ziemlich sicher angenommen werden, dass auch Deutschland nicht mobilisiert haben würde, und solange beide Mächte nicht diesen letzten und schicksalsvollen Schritt getan hatten, bestand noch immer eine Chance, den österreichisch-serbischen Krieg zu lokalisieren. Den Russen war die Initiative in der Mobilmachung aber nicht durch zwingende Notwendigkeit auferlegt. Russlands Sicherheit war durch einen österreichisch-serbischen Konflikt in keiner Weise bedroht. Die österreichische Regierung hatte der russischen sogar die Versicherung abgegeben, dass etwaige gegen Serbien zu ergreifende Strafmaßnahmen nicht den Erwerb serbischen Gebietes für Österreich einschlössen, und obwohl die Russen vielleicht mit einem gewissen Recht diesen Zusicherungen keinen Glauben schenken mochten, so wissen wir, dass die österreichischen Minister nicht noch mehr aufrührerische Serben in ihrem Reich haben wollten. Auf jeden Fall konnte das österreichisch-serbische Verhältnis sich offenbar noch ein gutes Stück weiter entwickeln, ehe es für Russland bedrohlich wurde. Aber Russland wollte nicht warten, und es besteht kein Zweifel, dass seine überstürzte Mobilmachung durch ehrgeizige Absichten und nicht durch Furcht bestimmt wurde - und durch die geheime Zusicherung französischer Unterstützung.

Damit kommen wir wieder zurück zur Frage Frankreich und Deutschland. Dies war doch nach der Legende die zweite Gelegenheit, bei der das unschuldige Frankreich mutwillig von einem räuberischen Deutschland überfallen wurde. Gleichzeitig mit ihrem Ultimatum an Russland schickten die Deutschen auch ein Ultimatum nach Paris, in voller Kenntnis des französisch-russischen Bündnisses und im Bewusstsein der Tatsache, dass Feindseligkeiten mit Russland auch Feindseligkeiten mit Frankreich nach sich ziehen würden. Da sich dies zwangsläufig aus der entstandenen Lage ergab, sollte man meinen, die Franzosen würden, wenn ihnen an einer Vermeidung des Krieges gelegen war, auf ihre russischen Verbündeten einen Druck ausgeübt haben, die Dinge nicht auf die Spitze zu treiben. Aber die Franzosen haben nicht nur keine beschwichtigende Aktion dieser Art in St. Petersburg unternommen; sie haben vielmehr, wenn auch im Geheimen, die Russen zu den äußersten Maßnahmen ermutigt.

Warum aber arbeiteten die Franzosen in dieser Weise für den Krieg? Aus zwei Gründen. Als Poincare 1912 Präsident der Dritten Republik wurde, gab er den Russen unzweideutige Zusicherungen, dass sie unter allen Umständen auf französische militärische Unterstützung zählen könnten, gleichgültig, ob Russland angegriffen werde oder angreife. Diese umfassenden Zusicherungen des Präsidenten entsprangen zweifellos seiner festen Absicht, einen allgemeinen Krieg als einziges Mittel zur Wiedererlangung Elsaß-Lothringens herbei zu führen, sowie der beim französischen Generalstab vorherrschenden Meinung, dass Frankreich und Russland Deutschland und Österreich schlagen würden. Die Geschichte von 1870 wiederholte sich. Wiederum war die französische Armee "fertig bis zum letzten Gamaschenknopf", wiederum waren die französischen Generäle in höchstem Maße des Sieges gewiss.

Aber, oh Unglück, sie hatten zum zweiten Male falsch gerechnet und zum zweiten Male kann dieser Fehler nicht den Deutschen angekreidet werden. Die französische Strategie beruhte auf der Theorie der "bedingungslosen Offensive", deren magische Eigenschaften die französische Armee rasch nach Berlin führen würden. Aber die Eigenschaften dieser Theorie erwiesen sich eher als selbstmörderisch denn als magisch und führten zu fürchterlichen Verlusten der französischen Truppen. In ein paar Tagen lag der französische Plan in Trümmern und die französische Armee befand sich nicht auf dem Vormarsch nach Berlin, sondern in vollem Rückzug auf Paris. Die Franzosen hatten auch den militärischen Wert ihrer russischen Verbündeten überschätzt, der, wie sich herausstellte, weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Wenn irgend jemand ein Vorwurf für die deutsche Invasion Frankreichs 1914 trifft, so sind es die Franzosen selbst. Hätte ihr Präsident das ganze Gewicht seines Einflusses geltend gemacht, um den Russen von hastigen Kriegsvorbereitungen abzuraten, statt sie anzutreiben, so würde es sehr wahrscheinlich kein Armageddon gegeben haben. Aber Poincare und die Kriegspartei lechzten nach Rache für das débâcle von 1870; sie waren entschlossen, die verlorenen Provinzen Elsaß-Lothringen zurück zu gewinnen und hatten sich wiederum durch den Glauben betören lassen, sie seien die Erben der siegreichen Grande Armee des großen Napoleon. Sie wollten den Krieg.

Was aber die Behauptung angeht, die Deutschen hätten den Krieg von 1914 begonnen, so ist sie nach der auf das verfügbare Beweismaterial gestützten Meinung des Autors frei erfunden. Wenn von irgendeiner Nation gesagt werden kann, sie habe den Krieg "begonnen" - im Sinne, dass sie die ersten Maßnahmen ergriff, die zu den Feindseligkeiten führten -, so nach seiner Auffassung von Serbien, was den österreichisch-serbischen Krieg angeht, und von Russland in Bezug auf den Weltkrieg. Hätten die Serben sich von ihren "großserbischen" Ambitionen freigehalten, so ist kein Grund ersichtlich, warum sie und die Österreicher hätten zusammenstoßen sollen. Ich kann die Dinge nur so sehen, dass die Serben die primären Angreifer und die ursprünglichen Urheber des ersten Weltkrieges waren. Aber die Russen folgten ihnen mit geringem Abstand, denn von ihnen ging die Ausweitung eines örtlichen Konfliktes in eine Weltkatastrophe aus. Ob die Serben "schuldhaft" ein Großserbien planten und dafür arbeiteten, und ob das Gleiche von der russischen Unterstützung dabei gesagt werden kann, ist eine andere Frage, die hier nicht erörtert werden soll. Hier geht es darum, ob die Deutschen, wie ihnen so oft vorgeworfen worden ist, den Krieg von 1914 "begonnen" haben, und ich glaube, dass dies nicht der Wahrheit entspricht.

Die von Anfang an beteiligten Krieg führenden Länder können in zwei Gruppen geschieden werden: jene, die einen positiven Gewinn von einem europäischen Kriege erhofften, und die anderen, die lediglich ihren Besitzstand zu bewahren wünschten. Zur ersten Gruppe gehörten die Serben, die Russen und die Franzosen, und zwei von ihnen haben ja schließlich auch die erstrebte Beute erlangt. Zur zweiten Gruppe gehörten Österreicher und Deutsche, die aus diesem Grunde mehr zu verlieren und deshalb - und das gilt besonders für Deutschland - einen geringeren Anreiz hatten als die anderen, einen allgemeinen Krieg zu wünschen. Ich möchte sagen, dass in jenem unheilvollen Sommer 1914 Deutschland und England unter allen europäischen Großmächten am wenigsten einen Krieg wünschten.

Der preußische Militarismus war in den letzten vierzig oder fünfzig Jahren das Ziel vieler gehässiger Angriffe; daher wird die Entdeckung wie eine Sensation wirken, dass der deutsche Generalstab auf dem Höhepunkt der Krise am 29. Juli 1914 in seiner für die Regierung bestimmten Denkschrift bewundernswert ausgeglichene, weitsichtige und staatsmännische Eigenschaften bewies:

"Russland hat verkündet", so sagten die deutschen Generäle, "dass es gegen Österreich mobilisieren werde, falls Österreich in Serbien einmarschiert. Österreich wird deshalb gegen Russland zu mobilisieren haben. Der Zusammenstoß zwischen diesen beiden Staaten wird damit unvermeidlich geworden sein. Dies aber ist für Deutschland der casus foederis. Deutschland muss also gleichfalls mobilisieren. Dann wird Russland seine übrigen Streitkräfte mobilisieren und sagen: "Ich bin von Deutschland angegriffen." Damit wird das französisch-russische Bündnis, das so oft als reiner Verteidigungspakt gepriesen wurde, der nur als Gegengewicht gegen Angriffspläne Deutschlands geschaffen worden sei, in Aktion treten und das gegenseitige Gemetzel der zivilisierten Nationen Europas wird beginnen... So müssen und so werden sich die Dinge entwickeln, wenn nicht, so möchte man sagen, ein Wunder geschieht, um noch in letzter Stunde einen Krieg zu verhindern, der auf Jahrzehnte hinaus die Kultur fast ganz Europas vernichten wird".

Ist es möglich, nachdem man dies gelesen hat, im deutschen Generalstab noch weiterhin nichts anderes zu sehen als hochgestiefelte, im Stechschritt marschierende Säbelrassler; oder als eine verbrecherische Organisation, zu der die Anklage in Nürnberg ihn zu stempeln suchte? Ich jedenfalls kenne keinen anderen Generalstab jener Zeit, der einen solchen Widerwillen gegen den Krieg zeigte, wie er diese Denkschrift durchdringt. Sir Henry Wilsons Tagebücher dagegen stellen ihn dar, wie er abwechselnd sich die Lippen leckt bei der Aussicht auf Krieg oder sich das Haar rauft beim Gedanken, England könne dem Kriege vielleicht fernbleiben.

Die Voraussagen des deutschen Generalstabs waren nur allzu richtig. Sie enthielten in der Tat einen einzigen Irrtum: die Russen warteten die deutsche Mobilmachung nicht erst ab, um ihre eigene totale Mobilmachung anzuordnen. Sie mobilisierten als erste - zwanzig Stunden früher.

Abschließend möchte ich das Urteil dreier Historiker zur Frage der Kriegs Verantwortung anführen, eines Engländers, eines Amerikaners, eines Franzosen. Der Engländer G. Lowes Dickinson fasst das Problem wie folgt zusammen: "...Wir müssen danach fragen, wer die größere Rechtfertigung für sich hat - ein Staat (Österreich), der sich dagegen wehrt, auseinander gesprengt zu werden, oder ein Staat (Serbien), der begierig ist, seine Macht durch die Zerschlagung seines Nachbarn auszudehnen. Das war die wirkliche Frage zwischen Österreich und Russland. Ich selbst möchte darauf antworten... dass die Rechtfertigung auf Seiten Österreichs, der Angriff auf Seiten Russlands liegt. Als nächsten Punkt kommen wir zu Deutschland. Gegen Deutschland hat sich der größte Teil der moralischen Empörung der Siegermächte gerichtet. Nach unserer Analyse der Tatsachen sollte es klar sein, dass dies nicht gerechtfertigt ist... Die Ententemächte sagen, dass der Angriff in der deutschen Rückendeckung für Österreich bestand. Die Deutschen sagen, der Angriff bestand in der russischen Rückendeckung für Serbien... Nach meiner Auffassung ist die deutsche Stellungnahme die vernünftigere".

An zweiter Stelle folge die Meinung des angesehenen amerikanischen Historikers Dr. H. E. Barnes. Er sagt bei der zusammenfassenden Übersicht über die Kriegsverantwortung in seiner ganz ins Einzelne gehenden Untersuchung des Beweismaterials: "Bei einer Abschätzung der Größenordnung der Schuld der verschiedenen Länder können wir die gesicherte Auffassung vertreten, dass die einzige direkte und unmittelbare Verantwortung für den Weltkrieg auf Serbien, Frankreich und Russland fällt, wobei die Schuld etwa gleich verteilt ist. Als nächster in der Reihenfolge würde - aber weit unter Frankreich und Russland - Österreich kommen, obwohl Wien niemals einen allgemeinen europäischen Krieg gewünscht hat. Als letzte würden wir England und Deutschland - in dieser Reihenfolge - platzieren, die beide Gegner eines Krieges in der Krise von 1914 waren. Vielleicht war die deutsche Öffentlichkeit etwas mehr auf ein militärisches Vorgehen eingestellt als das englische Volk. Aber wie ausführlich dargetan wurde, hat der Kaiser energischere Anstrengungen zur Wahrung des Friedens Europas unternommen als Sir Edward Grey".

Und schließlich ein Franzose. M. Morhardt hat über Poincares Reise nach Russland im Juli 1914 auf dem Höhepunkt der Sarajewoer Krise folgendes zu sagen: "Die Tatsache allein, dass zu dieser Zeit eine solche Reise unternommen wurde, bedeutete einen Kriegsplan... Wenn Raymond Poincare Frieden wünschte, so würde ein Brief nach St. Petersburg genügt haben. Wenn Russland gewarnt worden wäre, dass Frankreich entschlossen war, sich nicht vor der Welt die Sache der Mörder von Sarajewo zu eigen zu machen, so wäre die ganze Sache beigelegt worden. Der Friede wäre erhalten geblieben. Wenn Poincare nicht nach St. Petersburg gegangen wäre, um dort, wie Botschafter Maurice Paleologue uns berichtet hat, wilde Kreuzzugspredigten für den Krieg zu halten, so würde der feige Nikolaus II. es niemals gewagt haben, die Initiative zu einem Angriff zu ergreifen.

 


Russel Grenfell, diente über 30 Jahre in der englischen Marine. Im Ersten Weltkrieg nahm er an Einsätzen gegen Tsingtau und die Dardanellen teil. An der Skagerrak-Schlacht nahm er als Artillerie-Offizier auf dem Schlachtschiff "Revenge" teil. Im Jahre 1921 trat er sein Studium an der  königlichen Marineakademie in Greenwich an, wo er zum Admiralsstaboffizier ausgebildet wurde. 1937 nahm er seinen Abschied um Marinekorrespondent der "Sunday Times" zu werden, während dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Bücher, die ihm als Militärhistoriker weltweites Ansehen eintrugen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges folgte Grenfell einer erneuten Berufung in den britischen Admiralstab. Seine Tätigkeit dort unterbrach er nur einmal, 1944, um mit den Invasionstruppen den Kanal zu überqueren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm er seine Arbeit als Schriftsteller wieder auf und schrieb unter anderem das hier in einem Auszug vorgestellte Buch  "Unconditional Hatred", dass, von der Presse als "vorzüglich geschrieben", "historisch richtig" und "politisch klug" charakterisiert, wie kein Zweites sein ganz persönliches Lebensmotto reflektiert:

"Wenn Du die Wahrheit kennst - steh' zu Ihr!"