Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge.
Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.
Bertolt Brecht (1898-1956)
War Deutschland allein Schuld?
Bertolt Rubin
Zugegeben, der Titel klingt vielleicht etwas unbeholfen, doch dafür hält das innere des Buches eine nicht enden wollende Kette an Aha-Effekten bereit. Hatten Sie schon immer das Gefühl, dass das, was nicht nur uns, sondern auch unseren Nachbarn in Europa und anderswo von morgens bis abends in tausend Varianten um die Ohren gehauen wird, vielleicht doch nur ein Teil der Wahrheit ist, und zudem ein nicht ganz repräsentativer? Dann lesen Sie hier weiter. Prof. Dr. Berthold Rubin, geboren 1911 in Mannheim, gehört zu jener selten gewordenen Gattung renommierter Geschichtswissenschaftler, die selbst komplexe Zusammenhänge allgemein verständlich beschreiben können. Das Buch gehört in jene Kategorie, die man gerne ein zweites Mal in die Hand nimmt, um darin weiter zu lesen, wenn man es denn nicht gleich beim ersten Mal in einem Zuge durchliest.
Professor Rubin arbeitete ab 1942 als Dozent an der Berliner Universität, danach als Professor in Prag und ab 1943 in Wien. 1952 wurde er Mitarbeiter am Osteuropa-Institut in München und Direktor des Instituts für Balkankunde. Weiter gehörte er der Redaktion des Jahrbuchs für die Geschichte Osteuropas an. 1957 wurde er Professor an der Universität Erlangen, 1960 wechselte er an die Universität Köln, wo er zugleich Direktor des Instituts für Altertumskunde wurde. Seine Beiträge zur Geschichtswissenschaft umfassen neben Buchveröffentlichen zahlreiche wissenschaftliche Artikel. Beachtung verdient darüber hinaus seine Mitarbeit an einem der bedeutendsten historischen Standardwerke, der Propyläen Weltgeschichte, an der Realencyclopädie der klassischen Altertumswissenschaften, am Deutschen Archäologischen Institut sowie im Mitteldeutschen Kulturrat.
Aus dem Vorwort des österreichischen Militärhistorikers Helwig Auffenberg-Komarow:
Für die Überwachung historischer Forschung ist in George Orwells Roman „1984" ein Ministerium der Wahrheit zuständig. Diese Dienststelle prüft, ob alles nach dem Gusto des „Großen Bruders" dargestellt wird. Liegt eine Ähnlichkeit mit heutigen Erscheinungen in unserer Gesellschaft vor? Wer es wagt, der von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges beim Nürnberger Tribunal festgeschriebenen deutschen Alleinschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu widersprechen und einen Teil der Schuld den Siegern zuzuweisen, macht rasch mit Großen Brüdern Bekanntschaft. Eine in weiten Bereichen bemerkenswert gleichgeschaltete Schar einflussreicher Personen in den Medien erhebt umgehend die Forderung nach Behinderung oder gar Verbot solcher revisionistischer Kriegsschuldforschung.
Diese Widerstände haben etliche deutsche und ausländische Geschichtsforscher nicht davon abhalten können, die Behauptung von deutscher Alleinschuld kritisch zu hinterfragen. Diesen mutigen Männern und Frauen verdanken wir aufschlussreiche Erkenntnisse über das Vorspiel zum fürchterlichsten Völkerringen des 20. Jahrhunderts.
Dabei geht es in keiner Weise um eine Reinwaschung etwa des NS-Diktators, dessen Schuldanteil an der verhängnisvollen Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg auch in diesem Buch deutlich wird. Wesentlich ist vielmehr die Frage, ob die anderen Mächte, die bis 1939 in einer Abfolge von blutigen Kriegen und Kolonialfeldzügen gigantische Weltreiche geschaffen hatten und die auch nach 1945 in zahlreiche der 180 seitdem stattgefundenen Waffengänge" verwickelt waren, in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg tatsächlich schuldlos sind. Wesentlich ist weiterhin die Frage, ob dem deutschen Volk eine Kollektivschuld, -verantwortung oder -haftung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zugewiesen werden kann. Und entscheidend ist drittens die Frage, welche Folgerungen aus einer Kollektivschuld oder -nichtschuld des deutschen Volkes zu ziehen sind.
Dabei geht es durchaus nicht um einen Gelehrtenstreit in Studierstuben fernab der Realität. Die Kriegsschuldfrage hat erheblichen Belang für die aktuelle Politik. So wird die angebliche Alleinschuld Deutschlands instrumentalisiert, um alle etwaigen Forderungen nach Wiedergutmachung des entsetzlichen Unrechts, das dem deutschen Volk nach 1945 widerfahren ist, im Keime zu ersticken. Das Argument von der deutschen Alleinschuld musste dazu herhalten, den Fortbestand der völkerrechtswidrigen Fremdbesetzung deutschen Staatsgebietes und die Mauer quer durch die deutsche Hauptstadt zu rechtfertigen. Das Argument von der deutschen Alleinschuld wird angeführt, um aus Deutschland erhebliche materielle Leistungen zu pressen und sogar das System von Jalta und Potsdam, also die Fremdbestimmung eines ganzen Kontinents, mit dem Schein des Rechts zu versehen.
Der Historiker Stefan T. Possony hat im Auftrag der Hoover Institution on War (Stanford, Cal., USA) eine Untersuchung mit dem Titel „Zur Bewältigung der Kriegsschuldfrage" erstellt. Er fasst seine Erkenntnisse wie folgt zusammen: „Wenn man über die Ursprünge der beiden Weltkriege ehrlich und endgültig Klarheit schaffen will, so müsste man eine internationale Historikerkommission einsetzen und in allen beteiligten Ländern die Dokumente, welcher Art sie auch immer sein mögen, freigeben... Die Zeit ist gekommen, die Archive zu öffnen und bisher versteckt gehaltene Dokumente der Öffentlichkeit zu übergeben. Erst wenn dies geschehen ist, werden die Voraussetzungen bestehen, sine ira et studio den Gesamtablauf der Ereignisse ohne Rechthaberei, Vorspiegelungen, Selbsttäuschung, Chauvinismus und Ideologie zu rekonstruieren, nicht um die Vergangenheit wiederzubeleben, sondern um sich auf die Zukunft vorzubereiten."
Zuzustimmen ist dem US-Geschichtswissenschaftler Glaser, der sich in seinem Werk „Der Zweite Weltkrieg und die Kriegsschuldfrage" wie folgt äußert: „Beide Seiten haben gegen die Freiheit und die Menschenwürde gesündigt; beide haben verhängnisvolle Entscheidungen gefällt; beide haben die Strategie der Vernunft vergessen und sich von den Wogen kriegerischer Leidenschaft treiben lassen. Die Völker der ehemaligen Alliierten und der ehemaligen Achsenmächte sind in kaum unterscheidbarem Maße schuldig bzw. unschuldig; der Zweite Weltkrieg hat für sie ein gemeinsames Schicksal bereitet, das es nunmehr zu meistern gilt. Individuelle Verbrechen müssen nach rechtsstaatlichen Gepflogenheiten bestraft werden, gleich von wem sie begangen werden. Das deutsche Volk als Ganzes hat aber keine Gründe für besondere Schuldgefühle."
Helwig ADOLPH-AUFFENBERG-KOMAROW
Der 1923 in Wien geborene Verfasser des Vorworts gilt als ausgewiesener Militärhistoriker und Schriftsteller. Zu jung um selbst in die tragischen Ereignisse verstrickt zu sein, wurde er doch mit der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts von Kindesbeinen an konfrontiert, und erhielt so Einblicke und Einsichten, die sich spätere Historikergenerationen erst mühsam über das Studium unzähliger Quellen erarbeiten mussten. Sein Vater, Generalleutnant Gustav-Adolph Auffenberg-Komarow wirkte bis 1945 an der Verteidigung Wiens gegen die Rote Armee mit, sein Großvater, Moritz Freiherr von Auffenberg, war k.u.k. Kriegsminister.
War Deutschland allein Schuld?
Der Weg zum Zweiten Weltkieg
1988 im DSZ-Verlag, Paosostraße 2 in München erschienen.
Gebunden, 527 Seiten. ISBN 3-925924-03-5

