Zum Begriff des Zionismus
1. Begriff, Grundgedanke, Ziel
1. Begriff, Grundgedanke, Ziel. Zionismus (von Zion = der Berg Sion bzw. die Stadt Jerusalem, näherhin die Bevölkerung Palästinas bzw. das auserwählte Volk Gottes), eine Wortbildung von Nathan Birnbaum (1893), ist eine Bewegung innerhalb des Judentums, die eine nationale Selbständigkeit des jüdischen Volkes auf dem Boden Palästinas erstrebt. Der Zionsgedanke spielt im seelischen und kulturellen Leben des jüdischen Volkes eine bedeutsame, in der Geschichte des Judentums bisweilen eine entscheidende Rolle. Von Anfang an bis heute von äußern Widerständen und von inneren Wirrnissen und Schwierigkeiten bedroht, hat der Zionismus mannigfache Wandlungen erfahren und ist heute noch eine umstrittene Frage.
Der Grundgedanke des Zionismus ist die Anschauung, dass die Juden ein Volk sind, dass dieses Volk, von seinen Wirtsvölkern als Fremdkörper empfunden, in der Zerstreuung (Galuth) sich in anormaler Lage befindet, und dass demzufolge die Judenfrage in ihrem tiefsten Wesen eine nationale Frage ist. Daraus folgert der Zionismus, dass die Judenfrage nur auf politischem Weg lösbar ist. Und die Erreichung dieses Zieles wird geknüpft an die Weckung des Bewusstseins der nationalen Zusammengehörigkeit und der Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt. Nach alledem kann die Judenfrage nur durch Zusammenfassung des jüdischen Volkes in einem eigenen, autonom regierten Land gelöst werden, und dieses Land kann aus geistigen und geschichtlichen Gründen nur Palästina sein. Innerhalb dieser grundlegenden Gedanken der zionistischen Ideologie ergaben sich im Lauf der Entwicklung mannigfache Abschattungen und tief greifende Unterschiede entsprechend den verschiedenartigen Richtungen innerhalb des Judentums selbst. Der Riss, der durch das jüdische Volk als Träger der alttestamentlichen Offenbarung geht, die kulturellen Gegensätze zwischen dem unpolitischen, religiös und messianisch eingestellten Ostjudentum und dem der religiösen Kraft baren, dem zionistischen Ideal naturgemäß abgeneigten Assimilationsjudentum des Westens wirken sich verhängnisvoll für den Zionismus aus.
Das Ziel des Zionismus trat und tritt heute hauptsächlich in zwei Bestrebungen zu Tage: Die auf Theodor Herzl zurückgehende Auffassung sucht die Lösung der Judenfrage auf politisch-territorialem Weg, während der von Achad Haam stammende Gedanke eine geistig-moralische Lösung der Judenfrage vorsieht, durch Schaffung eines „geistigen Zentrums“ die Judentums-Not beheben will. Nach dem Scheitern der politisch-territorialen Pläne Herzls trat die Auffassung Achad Haams mehr in den Vordergrund; doch erfuhr durch die Balfour-Deklaration (1917) der Judenstaatsgedanke Herzls wieder eine Neubelebung. Im Verfolg seiner nach dem Weltkrieg eingeleiteten neuen Orientpolitik, mit der sich ein palästinensischer Judenstaat nicht verträgt, hob England 1922 praktisch die Balfour-Deklaration, weil seinen Interessen bzw. seiner Araberpolitik zuwider, auf. Der politisch-territoriale Zionismus Herzls, der jüdische Volksstaatsgedanke, wird damit wohl, wenigstens in seinem umfassenden Ziel, zum Scheitern verurteilt sein. Der 1917 als Faktor in die britische Weltpolitik eingestellte Zionismus fällt eben dieser Weltpolitik zum Opfer. Damit dürfte auch der religiöse Prophetismus Achad Haams Recht behalten und der Gedanke des jüdischen Volkes als einer Religionsgemeinschaft mit messianischer Mystik, kurz der religiöse Zionismus mit Palästina als geistig-religiösem Mittelpunkt, neue Zugkraft gewinnen.
2. Geschichtliche Entwicklung. Der Zionismus als Ausdruck eines idealen Strebens, einer Sehnsucht nach einem Ruhepunkt, nach Rückkehr in das Land der Väter begleitet die Juden seit dem Tag ihrer Zerstreuung. Dieses Streben klingt durch die jüdische Liturgie wie durch ihr geistiges Schaffen. Immer wieder (8., 12., 13. Jahrhundert) traten Messiasse auf mit dem Ruf zur Rückkehr nach Palästina; auch im 17., 18. und 19. Jahrhundert lebte die Palästina- bzw. die Judenstaatsbewegung wieder auf (Siedlungen des Moses Montefiori, Edmund v. Rothschilds und des Barons v. Hirsch). Nach den russischen Pogromen 1881/82 bildeten sich Gruppen von Anhängern der Zionsidee (Chowewe Zion = Zionsfreunde; Chibbat Zion = Zionsliebe) in Russland, Rumänien, Deutschland , England, Österreich und den Vereinigten Staaten von Amerika. Alle diese Vereinigungen vermochten aber eine fest gefügte nationale Bewegung nicht zu schaffen. Aber der Zionsgedanke fand in der Folge mehr und mehr Anhang im Westen.
Während bis in die 1880er Jahre hinein die geistige bzw. religiös-kulturelle Einstellung den alten Zionismus beherrscht, beginnt mit dem Erscheinen von Theodor Herzls Broschüre „Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" (1896) eine neue Epoche des Zionismus. Herzl leitete, angetrieben durch den von ihm in Paris miterlebten Dreyfus-Prozess, die eigentliche organisatorische Zusammenfassung aller zionistischen Bestrebungen ein und legte den Grund zur Bewegung des politischen Zionismus. Dabei strömten ihm merkwürdigerweise gerade aus dem unpolitischen Ostjudentum die besten Kräfte und das erste und entscheidende Geld zu. Herzl erklärte die Judenfrage als eine nationale Frage und schlug die Errichtung eines Judenstaates vor durch Zusammenfassung eines möglichst großen Teils des jüdischen Volkes im eigenen Land. Herzl wurde durch rastlose Verbreitung seiner Ideen, organisatorische Arbeit und politisch-diplomatische Unterhandlungen die Seele der ganzen Bewegung. In Basel trat 29./31. Aug. 1897 der 1. Zionistenkongress zusammen, der den Leitsatz aufstellte: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ („Baseler Programm“). Der Kongress regte die Errichtung eines jüdischen Bodenkauffonds (Keren Kajemeth Lejisrael, begr. 1901) an und schuf die zionistische Gesamtorganisation mit einheitlicher Parteisteuer (Schekel). Alsbald setzten innere Kämpfe ein. Zahlreiche Anhänger wandten sich nach dem 2. Kongress (1898) vom politischen Zionismus ab. Hier wurde auch die Gründung einer jüdischen Nationalbank beschlossen. Nach vergeblichen Versuch, unter türkischer Souveränität eine jüdische Kolonie in Palästina zu gründen, erreichte Herzl Beziehungen zur britischen Regierung. Der englische Vorschlag, in Uganda (Britisch-Ostafrika) eine autonome jüdische Siedlung ins Leben zu rufen, zeigte offensichtlich das Interesse Englands am Zionismus, rief aber innerhalb der zionistischen Kreise die stärksten Kämpfe hervor und wurde auf dem 7. Kongress (1905) endgültig abgelehnt. Nach Herzls Tod (1904) setzte sich der innere Kampf um den politischen und praktischen Zionismus fort bis in den Weltkrieg hinein. Der 8. Kongress (1907) brachte den Sieg der praktischen Richtung (Beschluss der Errichtung eines Palästina-Amts in Jaffa und der Begründung der Palestine Land Development Company). Die auf den folgenden Kongressen zu Tage tretende Entwicklung und Ideenkämpfe wurden durch den Weltkrieg unterbrochen.
Einen Markstein in der Geschichte des Zionismus bildet die Balfour-Deklaration vom 2. Nov. 1917, die, vorbereitet durch politisch-diplomatische Bemühungen von Weizmann, Sokolow und Brandeis, in England, Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten von Amerika die offizielle Anerkennung der zionistischen Bestrebungen und die Unterstützung zur Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina durch England kundgab und auch die Zustimmung der Ententestaaten fand. April 1918 begann eine Kommission die zionistische Arbeit in Palästina. Februar 1919 fand die 1. internale zionistische Konferenz statt. Der Widerspruch der arabischen Bevölkerung gegen die Balfour-Deklaration führte 1920 zu Unruhen und offenen Feindseligkeiten. Trotzdem begann nach 1920 die jüdische Einwanderung (durchschnittlich etwa 1000 Personen im Monat). Zugleich aber kam es über die Wirtschaftspolitik in Palästina innerhalb der zionistischen Organisation zu schweren Kämpfen, besonders auf der Londoner Jahreskonferenz Juli 1920. Hier wurde auch die Errichtung der großen Sammelorganisation für die Aufbringung der für Einwanderung, Siedlung und kulturelle Verwaltung nötigen Gelder, des Keren Hayessod, beschlossen (Durchschnittseinkommen bis 1927 etwa 100 Millionen Mark das Jahr). Innere Streitigkeiten beherrschten auch die folgenden Kongresse. Die von den Arabern Mai 1921 hervorgerufenen antijüdischen Unruhen führten zu einer starken Einschränkung der jüdischen Einwanderung. Durch das Palästinamandat des Völkerbundes (1922) wurde die jüdisch-zionistische Zentrale, die Jewish Agency, als eine öffentliche Körperschaft anerkannt. Die weiteren Kongresse beschäftigten sich hauptsächlich mit wirtschaftspolitischen Dingen, der Araberfrage, der Erweiterung der Jewish Agency, besonders aber mit innerpolitischen Fragen. Die blutigen Unruhen in Palästina Aug. 1929 zeitigten den offenen Konflikt der zionistischen Organisation mit der englischen Regierung. Und das zunehmende Misstrauen in die Haltung Englands führte auf dem Kongress 1930 zum Rücktritt des Präsidenten Weizmann.
3. Organisation; Einrichtungen. Der Zionismus ist eine demokratisch aufgebaute Gemeinschaft. Als Zionist im Sinn des Organisationsinstituts (Baseler Programm) gilt jeder Jude, der den Schekel bezahlt (etwa 1 bis 2 RM), womit gleichzeitig das Programm des Zionismus anerkannt wird. Zahl der Schekelzahler bis zum Weltkrieg: rund 100.000, 1928: über 600.000. Die Wirkkraft des politisch-nationalen Zionismus reicht aber weit über diese Zahl hinaus. Die Schekelzahler eines Wohnorts bilden eine Ortsgruppe, die Ortsgruppen eines Landes den Landesverband. 1929 bestanden 46 Landesverbände; Einzelgruppen in Ländern ohne Landesverband 1929: 21. Verboten sind zionistische Organisationen in Russland und in der Türkei. Oberstes Organ der zionistischen Organisation ist der aus allgemeinen Wahlen aller Zionisten hervorgegangene Kongress. Aktives Wahlrecht hat jeder über 18 Jahre alte Schekelzahler, passives mit 24 Jahren. Der Kongress tritt gewöhnlich mindestens alle 2 Jahre zusammen (1897/1901 jährlich). Als oberstes Organ werden vom Kongress gewählt: die Exekutive und das Aktionskomitee; letzteres ist gewissermaßen ein Ausschuss des Kongresses. Die Gesamtleitung hat die Exekutive (politisch-organisatorischer Sitz in London für Palästina-Arbeit in Jerusalem). Präsidenten der Gesamtorganisation: Theodor Herzl 1897 bis 1904, David Wolffsohn 1905/11, Otto Warburg 1911/1918, Chaim Weizmann 1919/30, Nahum Sokolow seit 1930. Durch die Erweiterung der Jewish Agency (50% aus der zionistischen Organisation und 50% aus nichtzionistischen Körperschaften) erfuhr die Gesamtorganisation im August 1929 eine Änderung. Die Exekutive der Jewish Agency besteht seitdem aus 4 Zionisten und 4 Nichtzionisten. Organe der Agency sind: das Council, das Administrativkomitee, die Exekutive; Präsident der Agency ist der jeweilige Präsident der zionistischen Organisation.
Innerhalb der zionistischen Grundanschauung bestehen zahlreiche Richtungen bzw. Sondergruppen. Neben der ursprünglichen Hauptform, dem diplomatisch-weltpolitischen Zionismus Herzls, zählt man als „freie Formen“ des Zionismus, den geistigen Zionismus von Achad Haam, den neumystischen Religions-Zionismus oder Kultur-Zionismus Martin Bubers, den formalistischen Zionismus Jakob Klatzkins. Gegenüber diesen freien Formen gibt es innerhalb der zionistischen Organisation zionistische Systeme, die in Sonderverbänden mit fester Anhängerschaft zusammengeschlossen sind: der Misrachismus (orthodox-religiöser Zionismus), der Poale-Zionismus (marxistisch-sozialistischer Zionismus) und der Volkssozialistische Zionismus (zionistische Arbeiterorganisation). Der heutige Mehrheits-Zionismus wird als allgemein Volks-Zionismus bezeichnet. Er erstrebt die Lösung der ganzen Judenfrage durch die gleichzeitige Verwirklichung von drei eng verbundenen Formen: Palästina, Nationalautonomie, Gleichberechtigung.
4. Würdigung. Ob es dem Zionismus gelingen wird, die in aller Welt zerstreuten Juden zu einem in einer Heimstätte verwurzelten Volk zu machen, die Spuren eines Jahrhunderte langen Diasporadaseins aus der geistigen Physiognomie der Judenschaft auszutilgen, kann erst die Zukunft lehren. Dazu kommt, dass Palästinas Aufnahmefähigkeit beschränkt ist; für eine beherrschende Stellung des Judentums bietet das Land keinen ausreichenden Spielraum. Und ob die zionistische Wirtschaftspolitik, die teils auf gemeinwirtschaftlicher Grundlage ruht, teils kommunistisch aufgebaut ist und als Versuchsfeld für sozialistische bzw. radikal-sozialistische Ideen dienen soll, zum Ziel führen wird, ist ebenfalls sehr zweifelhaft. Uneingeschränkte Anerkennung verdient aber die Zielbewusstheit, die Rührigkeit und Zähigkeit der zionistischen Arbeit. Der Zionismus hat durch Schaffung von Kolonien, Wiederbelebung der hebräischen Sprache als Umgangssprache, Förderung der jüdischen Presse, Gründung einer Universität als Brennpunkt jüdischen Geisteslebens und durch zahlreiche ökonomische und organisatorische Einrichtungen (z. B. Landwirtschaftl. Schulen, über 100 Kindergärten u. a.) viel zur Förderung des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens in Palästina beigetragen und durch seine opferwillige Arbeit es erreicht, dass das Judentum in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht im Heiligen Lande eine Stellung einnimmt, aus der es nicht leicht zu verdrängen ist. Nach der Zählung vom 18. Nov. 1931 sind in ganz Palästina rund 175 000 Juden (gegenüber 90000 vor dem Weltkrieg), d.h. rund 18% der Gesamtbevölkerung, von denen fast 130.000 in Städten und nicht ganz 50.000 in ländlichen Siedlungen leben. Der jüdische Grundbesitz beträgt über 5 % des gesamten Bodens; es sind besonders die fruchtbaren Gebiete zwischen Haifa und Nazareth, die Ebene von Esdrelon, der See Genezareth, das Gelände um den Tabor, die Umgebung von Jaffa und Jerusalem (mit 52000 Juden unter 90000 Einw.). Dabei ist zu beachten, dass der meiste jüdische Boden in Händen der im Sinn Rotschilds und Hirschs unpolitisch eingestellten Palestine Jewish Colonisation Association („Pica“) ist, der kleinere Anteil im Besitz der Zionisten. Wenn auch nicht alle eingewanderten Juden zur Landwirtschaft sich als geeignet gezeigt haben, so muss doch die Arbeit der „Halutzim" (junge, meist sozialistisch eingestellte osteuropäische Juden) anerkannt werden, die nur zu erklären ist aus der Begeisterung für ein Ideal bzw. aus religiösen Motiven. Ein Beweis zähen Unternehmungsgeistes ist auch die neu erstandene Judenstadt Tel-Aviv mit 46 000 Einwohnern. Auch die jüdische Industrie, auf der wohl der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas liegt, zeigt achtsame Ansätze. Hemmend für den zionistischen Siedlungswillen, auch in beschränktem Ausmaß, wirken der scharfe Gegensatz zwischen Juden und Arabern, für den Zionismus überhaupt die innerjüdischen Auseinandersetzungen über Ziel und Wege der Verwirklichung des zionistischen Ideals. Auch steht es dahin, ob im Zeichen der Weltwirtschaftskrise weiterhin so reichliche Geldmittel wie bisher nach Palästina fließen werden.
Schrifttum: Zionist. ABC-Buch(1908). S. Bernstein , Der Zionismus, sein Wesen und seine Organisation (1918). N. Sokolow, History of Zionism (2 Bde, 1919 f.). A. Böhm, Die zionist. Bewegung (1920 f.). A. Schlesinger, Einf. in den Zionismus (1921). G. Holdheim, Zionist. Handbuch (1923). P. Goldring, Die Vorgesch. des Zionismus (1925). G. Holdheim, Palästina. Idee, Probleme, Tatsachen (1928). Ad. Friedemann, Das Leben Th. Herzls (21919). M. Georg, Theod. Herzl, Leben und Vermächtnis (1922). Th. Herzls Zionist. Schriften (21923). Ders.,Tagebücher(3Bde, 1923). Stenograph. Berichte der Zionistenkongresse. A. Wiener, Jüd. Siedlung und Wirtschaft (1927). J. B. Kraus S. J., Zionismus in Vergangenheit und Gegenwart (Hochland, Mai 1931). Jüd. Lexikon V (1930).
Nik. Müller

