Das Verhalten des Auslands gegenüber den Juden im November 1938
Während das Leid der Juden im Deutschland der 30er und 40er Jahre uns allen durch eine unüberschaubare Zahl stilistisch und dramaturgisch laufend aktualisierter Publikationen so präsent ist, als wäre es eben erst unter unseren Augen passiert, wird vergleichsweise wenig über das Verhalten des Rests der Welt in diesen Jahren berichtet. Wie verhielten sich die anderen Länder; frei, meist demokratisch regiert und in relativem Wohlstand lebend, frei auch von den traumatisierenden Erfahrungen der Einkreisung, des Weltkriegs, des Versailler Vertrages, tödlicher Verelendung und nackter Existenzangst:
Argentinien. Die Regierung hat am 1. November alle Konsulate angewiesen, keine Visa an Juden mehr zu erteilen.
Australien. Ministerpräsident Lyons erklärte, dass die australische Regierung fest entschlossen sei, die Masseneinwanderung von Fremdstämmigen zu verhindern, und dass sie auch keinesfalls zusammenhängende Siedlungen dulden werde. Ein angeblich in London gemachter Vorschlag, jüdische Emigranten massenweise in Australien anzusiedeln, komme gar nicht in Frage. Für die nächsten drei Jahre setzte die Bundesregierung die Einwanderungsquote für Juden auf 15000 fest.
Belgien. Der belgische Justizminister erklärte, eingewanderte Juden würden der Entscheidung eines Dreierausschusses unterworfen, der je nach dem einzelnen Fall die Aufenthaltsgenehmigung erteile oder nicht. Die zugelassenen Juden müssten sich verpflichten, sich in keiner Weise in die belgische Innenpolitik einzumischen, andernfalls sie sofort ausgewiesen würden. Für die Juden, die keinen Nutzen brächten, seien Konzentrationslager eingerichtet worden.
Ceylon. Der Gouverneur Sir Andrew Caldecott äußerte in einer Antwort an Kolonialminister Mac Donald: „Nur Juden von Bedeutung" werde Ceylon aufnehmen.
Kolumbien. Einbringung eines Gesetzentwurfes, in dem ein Einreiseverbot für Juden und der Schutz der einheimischen Industrie gegen die unlautere jüdische Konkurrenz gefordert werden.
Costarica gab seiner Gesandtschaft in Paris strenge Anweisung, Gesuche jüdischer Emigranten zur Gewährung von Einreisesichtvermerken nach Costarica abzulehnen.
England. Ministerpräsident Chamberlain gab am 19. November eine Erklärung in der Emigrantenfrage ab. Er stellte fest, dass das britische Kolonialreich lediglich einen kleinen Teil der Juden aus Deutschland aufnehmen könnte. Die Einwanderung nach England selbst hinge davon ab, inwieweit die jüdischen Hilfsorganisationen imstande wären, die Verantwortung für die Auswahl, Aufnahme und Unterstützung der Emigranten zu übernehmen. Auch die Ansiedlung der Juden in den einzelnen Kolonien müsse unter Mitwirkung der jüdischen Verbände erfolgen. Die sofortige Ansiedlung größerer jüdischer Gruppen sei im Augenblick überhaupt ausgeschlossen, doch könnten verschiedene Gebiete wohl eine kleine Anzahl unterbringen. Chamberlain nannte dabei Kenia, Südrhodesien und auch das ehemalige Deutsch-Ostafrika. Der größte Siedlungsplan bestehe aber für Britisch-Guayana. Innenminister Sir Samuel Hoare erklärte am 21. November im Unterhaus, England sei zwar bereit, größere Kontingente von jüdischen Kindern zur Aufnahme in Schulungslagern und späteren Weiterbeförderung in die neuen Siedlungsgebiete zuzulassen, eine unbeschränkte Zulassung, von erwachsenen Emigranten ganz abgesehen, käme aber nur für den Durchgangsverkehr in Frage.
Frankreich. In einem zweifellos inspirierten Artikel des Pariser „Temps" vom 4. August heißt es, dass Frankreich nach wie vor den „Rassismus" verwerfe, dass es aber zugleich das Recht und die Pflicht habe, ein physisches, moralisches und intellektuelles Gleichgewicht innerhalb seiner Bevölkerung aufrechtzuerhalten, das jedoch durch den Zustrom von Elementen gefährdet würde, die sich von dieser Bevölkerung allzu stark unterscheiden und nicht assimilierbar seien.
Holland. Für Juden, die aus Deutschland nach Holland einreisen wollen, ist die Genehmigung des Justizministeriums notwendig; diese Genehmigung wird nur in beschränktem Umfang erteilt. Die Grenzwachen wurden verstärkt. Mehreren hundert Juden, die von Aachen aus versuchten, nach Holland zu gelangen, wurde die Einreise verweigert.
Irland. Die irische Regierung hat gegen die Zuwanderung von Juden eine Verfügung an alle Polizei- und Verwaltungsbehörden erlassen, wonach der Aufenthalt ausländischer Juden auf irischem Staatsgebiet auf acht Tage beschränkt wird. Die Verfügung gilt auch für die 600 Juden, die sich seit 1937 in Irland niedergelassen haben.
Kanada. Das in Quebec erscheinende Blatt „Action catholique" meint: „Trotz aller Sympathie für die Verfolgten darf kein Jude auf Wunsch dieses oder jenes Ausschusses hereingelassen werden ... Nein, Kanada ist nicht der Platz für die Juden ... !"
Luxemburg. Einer Bekanntmachung des Justizministeriums zufolge sind Gesuche von Juden um Aufenthaltsgenehmigungen im Großherzogtum Luxemburg zur Zeit zwecklos; es wird auf eine internationale Regelung der Emigrantenfrage verwiesen.
Mexiko. Präsident Cardenas bestätigt das vom Innenminister erlassene Einreiseverbot für jüdische Einwanderer.
Niederländisch-Indien. Die Regierung sah sich zu scharfen Maßnahmen gegen die jüdische Invasion gezwungen. Juden, die versuchten, sich als Touristen einzuschmuggeln, wurden nach Holland zurückbefördert und werden von dort ausgewiesen werden.
Polen hat eine Reihe von diplomatischen Aktionen eingeleitet, um die Judenfrage durch Aussiedlung des überhand nehmenden Judentums zu lösen.
Rhodesien ist bereit, 25 Juden als Siedler zuzulassen. Sie sollen fünf Jahre lang beobachtet und dann wieder ausgewiesen werden, wenn sie als Siedler nicht zu gebrauchen seien; andernfalls würde Rhodesien nach Ablauf der fünf Jahre weitere 150 Juden aufnehmen.
Rumänien führt die vom Kabinett Goga eingeleitete antijüdische Gesetzgebung in verlangsamtem Tempo fort.
Salvador. Die Regierung ist nicht bereit, jüdische Emigranten aus Deutschland und anderen zentraleuropäischen Ländern in ihr Staatsgebiet hereinzulassen.
Schweiz. Der Bundesrat erklärte, die Schweiz sei an sich schon von Juden überlaufen. Sie betrachte sich bereits als überfremdet, da ungefähr zehn Prozent ihrer Einwohner Ausländer sind.
Tschecho-Slowakei, bisher als Oase des Judentums geltend, hat einschneidende Maßnahmen gegen das Judentum getroffen. Die zuständigen Ministerien haben eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die die Auswanderung der Juden fördern sollen. Die Kosten sollen aus einer englischen Anleihe gedeckt werden.
Türkei. Im Ministerrat Annahme eines Gesetzentwurfes, der eine Beschränkung der Tätigkeit der Juden im türkischen Reich bringt; der Entwurf sieht die Entjudung und die Ausweisung der seit 1923 eingewanderten Juden vor.
Uruguay. Die Regierung hat sich entschlossen, energische Maßnahmen gegen die Gefahr einer wachsenden Überfremdung durch die Zuwanderung jüdischer Elemente zu treffen. Der Staatspräsident hat die Frage der Einschränkung dieser unerwünschten Einwanderer aufgeworfen; einem besonderen Ministerausschuss obliegt die Ausarbeitung eines entsprechenden Gesetzes.
Vereinigte Staaten. Die amerikanische Botschaft in Berlin hat die Erteilung von Einreise-Visen an Juden aus Deutschland mit der Begründung eingestellt, dass das Einwanderungskontingent für die nächsten zwei Jahre bereits erschöpft sei.
ff.

