Das im Auftrag der Görres-Gesellschaft herausgegebene STAATSLEXIKON beschreibt, basierend auf dem katholischen Weltbild, das Phänomen des Antisemitismus im Jahre 1926 wie folgt:
Antisemitismus (1926)
1. Begriff
2. Geschichte
3. Träger der Bewegung
4. Begründung
5. Neuaufflackern nach dem Weltkrieg
6. Beurteilung
1. Begriff. Der Antisemitismus ist eine politisch-wirtschaftliche Bewegung zur Bekämpfung des Judentums und seines Einflusses im öffentlichen Leben. Die eine Richtung des Antisemitismus, die das Judentum als Rasse bzw. als geschichtliches Offenbarungsvolk bekämpft, ist mit christlichen Grundsätzen unvereinbar. Die andere Richtung erstrebt (allenfalls durch Gesetze) den Schutz der christlichen Bevölkerung gegenüber dem allzu starken Vordringen des Judentums, seiner rücksichtslosen Vorherrschaft im Erwerbsleben und seinem vielfach schädlichen, radikale Strömungen begünstigenden Einfluss auf dem Gebiet der Religion und Sitte, der sozialen Einrichtungen, der Literatur und Kunst und besonders der Tagespresse. Eine besonders scharfe Richtung sucht das Judentum unter Ausnahmegesetze zu stellen.
2. Geschichte. Antisemitismus findet sich zu allen Zeiten, im Altertum wie im Mittelalter. Zum System erhoben wurde er vor allem in der Neuzeit. Im Altertum und im Mittelalter herrschten zur Bekämpfung des Judentums religiöse und wirtschaftliche Gründe vor, in der Neuzeit verband er sich mit dem falschen Nationalismus und steht im Dienst des Parteiwesens. In Deutschland begann die Agitation im Volk 1878 durch den Berliner Hofprediger Ad. Stoecker, dessen Christlich-soziale Partei auch die verderblichen Wirkungen des jüdischen Bevölkerungselements zu bekämpfen suchte.
Der Anitsemitismus organisierte sich 1880 mit Bildung der Antisemitenliga, die sich (1881) in zwei Parteien teilte: den konservativen Deutschen Volksverein (unter Liebermann v. Sonnenberg) und den radikalen Sozialen Reichsverein (unter Henrici); 1886 bildete sich die Deutsche antisemitische Vereinigung, 1889 die Deutsch-soziale antisemitische Partei (unter Liebermann) und die Antisemitische Volkspartei (Böckel), 1893 die Deutsche Reformpartei (Böckel) und die Deutsch-soziale Partei, die sich beide 1894 zur Deutsch-sozialen Reformpartei vereinigten, aber schon 1900 wieder spalteten. In Osterreich waren Schönerer, Lueger und Prinz Alois Liechtenstein die Führer des Antisemitismus. Auch Frankreich hatte im Gefolge des Panama- und Dreyfußprozesses eine antisemitische Partei. In Russland artete der Antisemitismus in religiöse Verfolgung aus.
3. Träger der Bewegung. sind gegenwärtig die deutschnationalen und völkischen Kreise, mit denen sich 1918 die antisemitischen Parteien vereinigten, samt den ihnen angeschlossenen nationalen Verbänden der verschiedensten Bezeichnung. Im deutschnationalen Programm wird der Kampf gegen jeden zersetzenden undeutschen Geist angesagt, „mag er von jüdischen oder andern Kreisen ausgehen", wobei nach völkischer Ansicht der jüdische Geist an sich international und darum undeutsch ist. Ferner heißt es im deutschnationalem Programm: „Der Zustrom Fremdstämmiger über unsere Grenzen ist zu unterbinden", was auf die Ostjuden Anwendung finden soll. Sodann: „Wir wenden uns nachdrücklich gegen die seit der Revolution immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit." Weiter noch gehen die völkischen Kreise, welche Judentum und nationale Gesinnung für unvereinbar erklären und darum die Juden überall ausgeschlossen haben wollen.
4. Begründung. Der Antisemitismus sucht seine Gründe auf ethischem, wirtschaftlichem und nationalem Gebiet.
a) Ethische Gründe: Der Semitismus „ist eine Geistesart, die zu allen Zeiten kulturzersetzend und staatenzerstörend aufgetreten ist. Sie äußert sich in der Hauptsache als ein roher Materialismus, der alle Lebensfragen auf das Geldinteresse zuspitzt und dadurch Korruption und sittliche Verwilderung zum Gefolge hat. ... Er ist schlechtweg der Feind jeder rechtlichen und sittlichen Ordnung". Diese Vorwürfe sucht der Antisemitismus durch den Wortlaut der jüdischen Gesetzesbücher zu stützen. Man weist darauf hin: Die jüdischen Gesetzesbücher lehren Hass und Feindschaft gegen die Nichtjuden; sie stellen die Nichtjuden als außerhalb der menschlichen Sitten und Rechtsgesetze stehend hin; sie leiten die Juden an, die Reichtümer der Welt und die Herrschaft über alle nichtjüdischen Völker an sich zu reißen. Alles, was die Herrschaft herbeizuführen hilft, selbst Lüge, Betrug, Meineid, Mord und Totschlag, ist dem jüdischen Sondergott Jahwe geheiligt. Alles, was die jüdische Weltherrschaft hindert, ist zu verwerfen. In sittlicher Hinsicht ist dem Juden gegenüber nichtjüdischen Frauenspersonen alles erlaubt (Fritsch).
b) Wirtschaftlich sucht man die Berechtigung des Antisemitismus in der Vorherrschaft der Juden im Bankwesen, im Handel und Kaufmannsstand. Der wirtschaftliche Antisemitismus wendet sich darum gegen den Juden als Träger des Kapitalismus. Der Reichtum des einzelnen Juden wird dabei als Ausfluss eines Systems aufgefasst, das dahin arbeitet, die Welt zu unterjochen und darum das Eigentum an sich zu bringen sucht, um die Herrschaft zu gewinnen. Deswegen finde man den Juden folgerichtig auf Seiten des Kommunismus mit dem Ziel, die jetzige, auf der Grundlage des Eigentums aufgebaute Wirtschaftsform zu vernichten. Kapitalismus und Kommunismus, deren Hauptvertreter Juden seien, arbeiten so einander planmäßig in die Hände, um gemeinsam eine jüdische Weltherrschaft aufzurichten,
c) Nationale Gründe: Der jüdische Geist „untergräbt jeden Staat, gleichviel ob er eine monarchische oder republikanische Verfassung besitzt". Die Juden bilden bis auf den heutigen Tag einen besonderen Staat. Sie erheben darum wohl die Rechtsansprüche des Staatsbürgers im nichtjüdischen Staat und beanspruchen dessen Schutz, in andern Fällen fühlen sie sich der Pflichten gegen diesen Staat enthoben. Der Antisemitismus habe darum als Bekämpfer der unsittlichen und staatszerstörenden Mächte eine hervorragend staatserhaltende Bedeutung. Dieser nationale Antisemitismus beruft sich besonders auf die Rassentheorie von H. St. Chamberlain und Otto Weininger, die von der These ausgehen, die Semiten bzw. die Juden seien gegenüber den Ariern ein unschöpferisches Volk und unfähig zur Hervorbringung genialer Menschen. Den Grund zu diesem rationalistischen, von der Religion losgelösten, nur die Eigentümlichkeiten der Rasse betrachtenden Antisemitismus legte Renan in seinem Werk „Histoire generale et Systeme compare des langues semitiques" (Paris 1855), das von der Kirche auf den Index gesetzt, vom Institut de France preisgekrönt wurde. Man argumentiert darum folgendermaßen: Niemals kann sich das Judentum deutschem Wesen und deutschem Geist anpassen; es steht dem deutschen Wesen dauernd fremd gegenüber, es kann darum niemals national sein. Die Juden sind als Semiten ein Fremdkörper unter den Ariern, sie sind uns wesensfremd dem Glauben, der Kultur, dem Empfinden, der Rasse nach. Die Juden haben einen andern Geist wie wir, mit dem man nicht paktieren kann, da er „frißt", materiell, geistig, seelisch. Die Juden sind infolge ihrer Rassenabstammung, behauptet der radikale Antisemitismus, unverbesserlich, ihre Fehler unabänderliche Rasseneigentümlichkeiten, die dem semitischen Blut entspringen, so dass die Juden beim besten Willen niemals „bessere Menschen" werden können und darum keinen Kulturwert haben. Um die Menschheit, besonders die deutsche, vor diesem verderblichen Einfluss zu schützen, gebe es nur ein Mittel: die Juden unschädlich zu machen, indem man sie auf irgendeine Weise ausrottet oder austreibt (Zionismus) oder zum mindesten ihnen die bürgerliche und politische Gleichberechtigung nimmt, sie unter Fremdenrecht stellt und aus dem kulturellen, geistigen, politischen und wirtschaftlichen Leben der deutschen Nation ausschaltet. So ist dieser Antisemitismus, von falschem Nationalismus ausgehend, auf der Machtfrage aufgebaut.
5. Neuaufflackern. Die Veranlassung zum neuen und mächtigen Aufflackern des Antisemitismus gaben die mit dem Weltkrieg und dem unglücklichen Kriegsausgang verbundenen wirtschaftlichen Folgen. Als Gründe werden vor allem genannt: die matte Beteiligung der Juden am Kriegs-, besonders am Frontdienst, ihre starke Vertretung in den Kriegsgesellschaften, die Überführung deutscher Kapitalien ins Ausland mit Hilfe jüdischer Vermittler, ihr vordrängender Anteil an der Bekämpfung der Monarchie, an der politischen und wirtschaftlichen Umwälzung, an den kommunistischen und bolschewistischen Bestrebungen, an den Kriegs- u. Revolutionsgewinnen, an Schiebertum und Preistreiberei, ihr weit reichender, moralisch zersetzender Einfluss auf Presse, Literatur, Theater, öffentliches Leben usw. Ein Opfer dieses Antisemitismus war besonders Walther Rathenau.
6. Beurteilung. Im Antisemitismus mischt sich Richtiges mit Falschem. Erlaubt ist es, den Einfluss der Juden in wirtschaftlicher Hinsicht, ihr Vorherrschen in Literatur, Presse, Theater usw., soweit sich hier Schäden zeigen, mit den zu Gebote stehenden rechtlichen und moralischen Mitteln in Schrift und Wort zu bekämpfen und mit allen sittlich erlaubten Mitteln zurückzudrängen. Fehler, Vergehen, Verbrechen, die von einzelnen oder von einer größeren Zahl von Anhängern des Judentums begangen werden, die Laxheit in Sitten, die sittlichen Schäden einer in der Mehrzahl von Juden geleiteten Presse, Literatur, Kunst, Theater dürfen wir nicht entschuldigen. Man muss auch zugeben, dass ein guter Teil Juden Anteil hat an dem Niedergang des deutschen Volkes; am wenigsten leugnen dies ernste Vertreter des religiösen Judentums. Unrecht aber ist es, die von den Juden ausgehenden Schäden zu verallgemeinern, sie allein damit zu belasten, als ob diese Schäden sich nicht auch beim Germanentum vorfänden, ihre Gesetzesbücher falsch auszulegen oder tendenziös auszuschlachten und ihre Ethik als schlecht hinzustellen.
Zur Entkräftung der dem Wirtschaftsgebiet entnommenen Gründe für den Antiemitismus wird darauf verwiesen, das diese wirtschaftlichen Schäden sich auch bei Nichtjuden finden, dass im Weltkrieg die Juden fast ebenso viele Verluste hatten wie die übrigen Kriegsteilnehmer, dass ihre Vermögen ebenso betroffen wurden usw., dass sie sich an den Kriegsanleihen sehr stark beteiligten, dass die ungesunde Berufsverteilung unter dem Judentum auf die frühere Gesetzgebung zurückzuführen sei, das dem Juden andere Berufe verschloss und ihn zum Handelsstand trieb, bei dem er durch Erfahrung sich anerkanntermaßen mehr auszeichnet als die Nichtjuden.
Politisch ist es unerlaubt, die Juden unter Ausnahmegesetze zu stellen. Auf staatsrechtlichen Gebiet gibt es nur deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, die dieselben politischen Rechte haben wie alle andern Bürger des Deutschen Reichs. Der Antisemitismus stört den innern Frieden und gefährdet auch die deutsche Außenpolitik, da andere Mächte, wie z.B. England und Frankreich, eine freundlichere Stellung gegen die Juden sowohl während des Weltkriegs wie nachher einnahmen, was für den Handel von großer Bedeutung war, während Deutschland wirtschaftlich eingekreist wurde (näher dargelegt in der Broschüre: Der gefährdete Wiederaufbau: Das Licht, Heft 12).
Der Antisemitismus ist abzuweisen aus religiösen Gründen: Wer auf sittlichem Boden steht, wer als Grundlage des Sittengesetzes das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe anerkennt, muss im extremen Antisemitismus einen mit der Moral im Widerspruch stehenden Zustand erblicken, dem Christen nicht nur ablehnend gegenüberstehen können, sondern den sie auch bekämpfen müssen. Das Christentum verwirft den Rassenhass so gut wie den Klassenhass und verurteilt den zur Begründung dieses Rassenhasses ins Feld geführten falschen Nationalismus (Kundgebungen der Päpste Benedikt XV., Pius XL). Die österreichischen Bischöfe verurteilen in ihrem Hirtenbrief vom Febr. 1891 „den heidnischen Rassenkampf, welcher wider das Gesetz der Nächsten- u. Bruderliebe ist", ebenso die deutschen Bischöfe in verschiedenen Hirtenschreiben.
Rassenhass ist und bleibt Ausdruck einer niedern Stufe moralischer Ausbildung. Denn während der religiöse und wirtschaftliche Antisemitismus wenigstens noch ein sittliches Ziel vorgibt, genügt beim Rassenhass lediglich das Anderssein, um die Abneigung zu begründen. Er stellt sich außerhalb jeder Ethik und hasst den Juden als Fremden, als Angehörigen einer minderwertigen Rasse, so dass er schon aus diesem Grund zu entrechten sei. Das alles widerspricht den christlichen Grundsätzen, die keinen Menschen für unverbesserlich halten und keinen Menschen von den Segnungen der christlichen Kultur ausschließen. Der Rassen-Antisemitismus predigt auf ethischem Gebiet einen Determinismus, der mit dem modernen Kulturstreben und den religiösen Anschauungen nicht zu vereinen ist. Er schaltet alles persönliche Verdienst aus und macht die ganze Lebensbahn des Juden von der Tatsache abhängig, dass er eben als Jude geboren ist. Mühe, Arbeit, Selbstvervollkommnung, ideales Streben nützen nichts, alles prallt machtlos ab an dem ehernen Felsen des Geschickes. Das Hervorgehen der ganzen Menschheit aus dem Schöpferwillen Gottes beweist die Gleichberechtigung aller Menschen, also auch der Juden, die man nicht hassen, sondern lieben muss, auch wenn wir wirklich vorhandene Fehler verurteilen und bekämpfen müssen. „Die Katholiken lehnen den Antisemitismus als solchen grundsätzlich und bewusst ab. Sie halten sich kraft ihrer religiösen Überzeugung für verpflichtet, den Hass gegen Mitmenschen, mögen sie auch anderer Überzeugung sein, wie sie selbst, mit aller Entschiedenheit abzuweisen" (Reichskanzler a. D. Marx).
Die letzte Folge des völkischen Antisemitismus ist die Verwerfung des Christentums seiner jüdischen Abstammung wegen und die Förderung des altgermanischen Heidentums mit dem Wotansdienst: „Das Judentum ist unserer deutschen Religion, unserem deutschen Christentum durchaus wesensfremd" (Bartels). Dieser Antisemitismus bekämpft und verwirft darum nicht nur das Alte Testament als jüdisch und von jüdischem Geist durchtränkt, sondern gibt auch das Neue Testament teils ganz, teils wesentliche, für uns Christen unveräußerliche Teile preis. Man verwirft darum im Grund das Christentum und strebt mit allen Mitteln nach der Einführung eines „Deutschen Christentums", einer „Deutschen Religion", einer „Deutschen Kirche" (Steffen).
Ebenso ist es eine vielfach beobachtete Erscheinung, dass der Antisemitismus sich fast immer auch zur Gegnerschaft gegen die katholischen Konfession entwickelt und kulturkämpferisch auftritt. Das Judentum steht als Religion in scharfem Gegensatz zum Christentum; in nicht geringerem Gegensatz dazu steht aber auch der moderne Unglaube und das von den Rassenantisemiten vertretene neuheidnische Germanentum. So gut wir allen Andersgläubigen politische Duldsamkeit schuldig sind, so gut müssen wir diese auch den Vertretern des Judentums gegenüber zur Anwendung bringen, auch wenn wir vom dogmatischen Standpunkt aus ihre Anschauungen verwerfen und bekämpfen müssen. Die neuzeitliche Bewegung des Antisemitismus ist darum abzulehnen, weil sie den Grundsätzen der christlichen Sittenlehre, der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, zuwiderläuft, weil sie auf Verbitterung und Verhetzung angelegt ist, weil sie auf neuheidnischer Grundlage beruht.
Schrifttum: H. v. Treitschke, Über unser Judentum (* 1881). A. Bernfeld, Juden u. Judentum im 19. Jahrh. (1898). G. Ruppin, Juden der Gegenwart (1904). — Aus der neuesten Zeit: Fr. Steffen, Antisemit, u. deutschvölk. Bewegung im Licht des Katholizismus (1925). R. Steiger, Der neudeutsche Heide im Kampf gegen Christen u. Juden (21924). R.N.Coudenhove-Kalergi, Das Wesen des A.(1923). F. Goldmann, Das Wesen des A. (21924). A. Bartels, Die Berechtigung des A. (1921). Th. Fritsch, Die Rechtfertigung des A. (21924). — Der gefährdete Wiederaufbau (1925). Vgl. auch: Fr. Hertz, Rasse u. Kultur (31925). K. Rieder.
K. Rieder in STAATSLEXIKON, Erster Band, Abel bis Fideikomiss, S. 219 bis 223. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft herausgegeben unter Mitwirkung zahlreicher Fachleute Herausgegeben von Hermann Sacher. Fünfte, von Grund aus neubearbeitete Auflage 1926. Buchdruckerei von Herder & Co. G.m.b.H. in Freiburg im Breisgau.

