Ursachen und Wirkungen des aufkommenden Antisemitismus im Jahre 1878
Es war eine Bewegung gegen ein halbfremdes, weitverbreitetes Volkstum, die Juden, die mit religiöser Unduldsamkeit gar nichts zu tun hatte. Seit der Emanzipation und der deutschen Reichsgesetzgebung, die sie überall vollendete, war die Zahl der Juden in Deutschland sehr rasch gewachsen. Sie betrug 1871 schon 512000, im Jahre 1872 schon 520000, 1880 in Preußen allein fast 364000, viel mehr im Verhältnis der Gesamtbevölkerung, als in jedem anderen westeuropäischen Kulturlande, und sie drängten sich überwiegend einerseits in den Ostprovinzen zusammen, weil sie zunächst aus den alten polnischen Landschaften jenseits der Grenze einwanderten, (in Ostpreußen allein schon 1824 bis 1871 durchschnittlich im Jahre 4400), andererseits in den großen Städten, so daß 1880 von jenen preußischen Juden 208000 in Ost- und Westpreußen, Posen Schlesien und Berlin (hier allein 54000) lebten.
Da sie durch ihre oft sehr unbedenkliche Findigkeit in Handel und Börsenspiel und ihr enges Zusammenhalten untereinander oft rasch reich wurden, so waren sehr viele von ihnen im Stande, ihren Kindern eine höhere Bildung geben zu lassen, so daß schon 1875 von den preußischen Gymnasiasten etwa der zehnte Teil Juden waren. Seitdem gewannen sie steigenden Einfluß auf die Presse, die Wissenschaft, die parlamentarischen Versammlungen und als Richter oder Rechtsanwälte auch auf die Rechtspflege.
Das Verhängnisvolle war nun, daß sich neben vielen, die sich ehrlich auf dem Boden des deutschen Volkstums und der deutschen Kultur stellten, doch die Masse, beständig durch neueinströmende, ganz rohe Elemente verstärkt, sich gegen beides teils gleichgültig, teils herausfordernd, teils hoffärtig und mit verletzendem Hohne als eine höhere Rasse, als das "auserwählte Volk" der Nation, unter der und von der sie lebte, gegenüberstellte, aller Lehren der Geschichte und aller Billigkeit vergessend.
Dies trieb zu Ende der siebziger Jahre die antisemitische Bewegung hervor, die neben so edlen und maßvollen Verfechtern wie Heinrich von Treitschke freilich auch, wie natürlich, manche brutalen Gesellen erzeugte und sich allmählich eine eigne Presse schuf, hier und da auch besondere Vertreter in die Parlamente brachte, um so mehr, als sich mit dem Kampfe gegen die Übermacht und den Übermut des Judentums auch der gegen die Ausartungen des Kapitalismus verband. Ein greifbares Ergebnis hatte sie zunächst nur insofern, als sie in weiten Kreisen der Gebildeten eine gewisse stillschweigende, namentlich gesellschaftliche Ausschließung jüdischer Elemente herbeiführte.
Quelle: Spamer's Illustrierte Weltgeschichte. Mit besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte. Unter Mitwirkung von Prof. G. Diestel, Prof. F. Rösiger, Prof. D. E. Schmidt, und R. Sturmhoefel. Herausgegeben von Prof. Otto Kaemmel. Vierte bis zur Gegenwart fortgeführte Auflage. Zehnter Band, S. 542. Geschichte der Neuesten Zeit III. Leipzig, Verlag von Otto Spamer, 1902.

