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Philipp Scheidemann während seiner legendären Rede vor der in der Berliner Universität tagenden Nationalversammlung: "Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt? Der Vertrag ist unannehmbar."

Philipp Scheidemann während seiner legendären Rede vor der in der Berliner Universität tagenden Nationalversammlung: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt? Der Vertrag ist unannehmbar."

Scheidemann brandmarkt das Versailler Diktat

Philipp Scheidemann, geboren am 26. Juli 1865 in Kassel, war von 1903 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Mitglied der SPD-Fraktion des Reichstages. Am 9. November 1918 rief er im Verlauf der Novemberrevolution vom Balkon des Reichstags die Republik aus, und verhinderte so die Machtübernahme der Kommunisten. Von Februar bis Juni 1919 war er bis zu seinem Rücktritt der erste Ministerpräsident der "Weimarer Koalition". Von November 1918 bis zum Januar 1919 Mitglied im Rat der Volksbeauftragten, 1918 bis 1920 Mitglied der Nationalversammlung und danach, bis 1933, Mitglied des Reichstags der Weimarer Republik. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging er ins Exil. Ohne jemals wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, starb er am 29. November 1939 in Kopenhagen.

Wie alle Deutschen war er über die Härte der 440 Paragraphen des Versailler Vertrages entsetzt, die nichts mehr mit den 14 Punkten des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zu tun hatten, auf deren Grundlage der Waffenstillstand geschlossen worden war. Am 12. Mai 1919 protestiert der SPD-Politiker und Führer der ersten Weimarer Koalitionsregierung leidenschaftlich gegen die barbarischen Friedensbedingungen, die er, da sie unerfüllbar sind, nicht anerkennen kann, und legt in der Konsequenz sein Amt als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident der Weimarer Republik nieder:

"Die deutsche Nationalversammlung ist heute zusammengetreten, um am Wendepunkte im Dasein unseres Volkes gemeinsam mit der Reichsregierung Stellung zu nehmen zu dem, was unsere Gegner Friedensbedingungen nennen [...]

Heute, wo jeder die erdrosselnde Hand an der Gurgel fühlt, lassen Sie mich ganz ohne taktisches Erwägen reden: was unseren Beratungen zugrunde liegt, ist dies dicke Buch, in dem 100 Absätze beginnen: Deutschland verzichtet, verzichtet, verzichtet! Dieser schauerliche und mörderische Hexenhammer, mit dem einem großen Volke das Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit, die Zustimmung zur erbarmungslosen Zerstückelung abgepresst werden soll, dies Buch darf nicht zum Gesetzbuch der Zukunft werden.

Seit ich die Forderungen in ihrer Gesamtheit kenne, käme es mir wie eine Lästerung vor, das Wilson-Programm, diese Grundlagen des ersten Waffenstillstandsvertrages, mit ihnen auch nur vergleichen zu wollen! Aber eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken: die Welt ist wieder einmal um eine Illusion ärmer geworden. Die Völker haben in dieser an Idealen armen Zeit wieder einmal den Glauben verloren [... ]

Ich frage Sie: wer kann als ehrlicher Mann - ich will gar nicht sagen als Deutscher - nur als ehrlicher, vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte? [...] Dieser Vertrag ist nach der Auffassung der Reichsregierung unannehmbar [...]"

aus: Lauteinann, Geschichten in Quellen Bd. 6, S. 129