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Der Hamburger Psychologe Peter R. Hofstätter bemerkte einmal, man könne wohl ein Pensum, nicht aber eine Vergangenheit »bewältigen«. Daher sei dies auch noch keinem Volk gelungen. »Vergangenheitsbewältigung!« Bisher konnte mir niemand eine brauchbare Definition dieses Begriffes liefern. Soll sie eine zeitgeschichtliche Forschung leisten? Doch schon ist die entsprechende Literatur unübersehbar. Soll es um Wiedergutmachung gehen? Doch wir haben dafür bereits Milliarden aufgebracht. Ist die Bestrafung der NS-Täter gemeint? Doch niemand kann uns vorwerfen, wir ließen es da an Emsigkeit fehlen. Oder sollen wir unsere Vergangenheit durch eine unablässige Beteuerung unserer Schuld »bewältigen«, durch ein »nostra culpa« ohne Ende? Selbst als Angehörigem der »belasteten« Generation will es mir auch bei äußerster Anspannung meines Gewissens nicht so recht gelingen, bei mir eine Schuld ausfindig zu machen. Und sogar in meiner Generation luden nur ein paar tausend Leute Schuld auf sich - kein Grund also, jene pauschal zu stigmatisieren.
Es erscheint notwendig, an die solide Erkenntnis zu erinnern, daß Schuld schon dem Begriffe nach nur individuell sein kann, »kollektive Schuld« also eine contradictio in adjecto ist. So geraten viele »Bewältiger« schon mit der bloßen Logik in einen ärgerlichen Konflikt. Es haben die Kinder und Enkel der »belasteten« Generation keinen rechten Grund, ihretwegen sich ein Büßerhemd von der Medienstange zu besorgen. Es ist eine Dreistigkeit von metaphysischer Dimension, auch die nachgeborenen Geschlechter mit einer Schuld belasten zu wollen, die ohnehin oft fiktiver Natur ist. Treuherzig habe ich stets geglaubt, der Begriff der Erbsünde gehöre nur der Theologie, dem religiösen Bereich an. Doch mit einiger Verblüffung muß ich feststellen, daß der Glaube an eine politische Erbsünde »in« ist. Wer bemerkt da schon die enge Verwandtschaft mit den Vorstellungen Hitlers, der die Juden nur deswegen umbringen ließ, weil er bei ihnen eine biologische »Erbsünde« ausgemacht hatte? Zum Glück nehmen die meisten »Erbsünder« den gegen sie - wenn auch nur versteckt - gerichteten Vorwurf gelassen hin, nur Neurotiker oder sonstwie aufgeregte und gestörte Naturen nehmen ihn mit masochistischer Inbrunst ernst und »sühnen« auf irgendeine Weise ohne Unterlaß vor sich hin.
Andere freilich begehren auf, weil sie des unverfrorenen Glaubens sind, die Entnazifizierung, die nach dem Kriege veranstaltet worden war, gelte nicht für sie, gehe sie nichts an. Ich habe jüngere Neonazis und Rechtsextremisten kennengelernt, die sich bei näherem Zusehen als hilflose Opfer der »Vergangenheitsbewältigung« entpuppten; sie ahnen, daß ihnen irgend etwas vorenthalten und Geschichte selektiert wird; doch in Ermangelung von Kenntnissen stehen ihnen keine adäquaten Argumente zur Verfügung, so daß sie in irrationale Reaktionen flüchten. Psychologische Gründe legen die Annahme nahe, daß diese Fälle mehr oder minder typisch sind.
Es ist ein erstaunliches Phänomen: Daß Hitler das Reich zerstört und Unglück über Europa und die Welt gebracht hat, steht so fest wie die Tatsache, daß Bismarck das Deutsche Reich gegründet hat oder daß Napoleon I. im Exil gestorben ist. Dennoch wächst die Zahl junger Leute, für die Hitler ein Idol ist. Meist dürfte dies gerade die »Vergangenheitsbewältigung« zuwege gebracht haben. Jede Sache kennt ihren Sättigungsgrad; ist der erreicht, schlägt sie in ihr Gegenteil um. Ohne »Vergangenheitsbewältigung« gäbe es möglicherweise keine jungen Neonazis und Rechtsextremisten, zumindest sehr viel weniger.
Natürlich sind die Bewältiger clever genug, zu beteuern, sie dächten gar nicht daran, die nachgeborenen Geschlechter zu denunzieren, es gehe ihnen nur um deren »Aufklärung«. Doch die pausenlose »Aufklärung«, das endlose Wiederkäuen im Fernsehen, in Schulbüchern, in allen möglichen Publikationen und auf Veranstaltungen läuft - gewollt oder nicht - auf den Versuch hinaus, in den Unschuldigen Schuldgefühle zu züchten, sie derart mit der Vergangenheit zu konfrontieren, daß sie schließlich unfähig werden, sich den Aufgaben der Gegenwart und Zukunft zu stellen.
Wer eine Sache bewältigen will, hat ein Ziel. Ist es erreicht, hört die Bewältigung auf, findet ihr natürliches Ende. Nicht so die »Vergangenheitsbewältigung«. Sie ist auf Dauer angelegt, sie strebt kein Ende an, sie will ein perpetuum mobile sein. Sie ist eine eigenartige Mischung aus guten und weniger guten Absichten, aus zeitgeschichtlicher Ignoranz und finanziellen Interessen. Sie ist schon deshalb ein perpetuum mobile, weil sich an ihr durch Filme, Theaterstücke und Publikationen ja auch gut verdienen läßt. Wer aber gibt schon freiwillig ein lukratives Geschäft auf? Man muß die Leute verstehen. Neben den reinen Geschäftemachern, bei denen das moralische Pathos zum Geschäft gehört, sind es die geborenen Volkspädagogen, Prediger und Missionare, die in ihrer Tätigkeit volle Befriedigung finden und schon deshalb nicht von ihr ablassen; sie wenigstens haben schiere Einfalt als mildernden Umstand auf ihrer Seite.
Die »Vergangenheitsbewältigung« läuft im Grunde auf das reichlich öde Geschäft einer nimmermüden Exhumierung Hitlers hinaus. Es steht in der Tat außer Frage, daß Hitler nur ein besonders extremer Exponent unseres Zeitgeistes war, so extrem wie vor ihm Enver und Talaat Pascha und zur gleichen Zeit Stalin. Doch auch später fehlte es nicht an gleichfalls extremen Exponenten: Der englische Verhaltensforscher Frances Henry Crick, der 1962 immerhin den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte, forderte ein Gesetz, wonach ein zwei Tage altes Kind nur dann Anspruch auf den Schutz seines Lebens habe, wenn es nach einer ärztlichen Untersuchung als gesund gelte - im Interesse einer »quality control« aufgrund eines »new ethical System based on modern science«. Der gleiche Crick forderte auch die obligatorische Tötung aller, die das achtzigste Lebensjahr erreicht haben. Der amerikanische Arzt Walter W. Backett brachte im Oktober 1969 im kalifornischen Parlament einen Gesetzentwurf ein, wonach es einem Consilium aus drei Ärzten mit Zustimmung eines »circuit judge« erlaubt werden sollte, jeden umzubringen, dessen Leben »meaningless« sei! Im Vergleich mit diesen wüsten Vorstellungen und Forderungen nimmt sich Hitlers Euthanasieprogramm als zimperliche Bagatelle aus! Gewiß sind das Ausnahmen; doch das gleiche gilt von den beiden türkischen Staatsmännern, von Stalin und von Hitler. Entscheidend ist aber, daß sie der gleiche Zeitgeist hervorgebracht hat.
Man denke auch an das massenhafte Wüten gegen ungeborenes Leben, wobei die Zahl derer nicht allzugroß sein dürfte, die bei ihrem Tun wenigstens ein leichtes Beben ihres Gewissens spüren. Schließlich zwingt mich der gleiche Zeitgeist, die weitverbreitete Gruppe der intellektuell Schwerhörigen und geistig Behinderten nochmals zu dem feierlichen Bekenntnis, daß ich dem Zeitgeist jede Kompetenz abspreche, Hitler Absolution von seinen Verbrechen zu erteilen.
1945 schien Hitler endlich verblichen zu sein. Doch dank der »Vergangenheitsbewältigung« ist er heute in einem gewissen Sinne wirkungsmächtiger als zu seinen Lebzeiten. Es ist ein heimlicher Prozeß im Gange, den der französische Soziologe Gabriel Tarde »imitation par Opposition« nannte.
Kein Vernünftiger von intellektueller und moralischer Integrität wird auf den Gedanken verfallen, die düsteren Seiten unserer Vergangenheit zu bagatellisieren, zu unterschlagen oder gar zu entschuldigen. Das Postulat ist so abwegig nicht, daß man die Vergangenheit kennen muß, bevor man sich daran macht, sie zu »bewältigen« - was auch immer darunter zu verstehen ist. Und es geht um die ganze Vergangenheit, nicht nur um einige selektierte Greuel, die ohne den historischen Kontext offeriert werden. Um diese Kenntnisse bemüht sich dieses Buch.
Es ist sinnvoll, die hier interessierende Vergangenheit mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnen zu lassen. Denn ohne Versailles und die Weimarer Republik ist Hitler nicht zu erklären. Es folgen jene zwölf Jahre, aus denen die Bewältiger ihre Dauerkost beziehen. Und da heute morgen schon gestern ist, gehört auch die Bundesrepublik dazu; auch sie ist ohne Hitler nicht zu erklären.
Dieses Buch bietet keine durchgehende Geschichte seit 1918. Es behandelt nur solche Einzelheiten und Komplexe, die nicht oder nicht hinreichend bekannt, nicht oder nicht hinreichend dargestellt und analysiert sind, denen aber dennoch größte Bedeutung zukommt. Am Ende mag sich herausstellen, daß Hitler nur eine Variante unseres Zeitgeistes war, der mit ihm weder begonnen noch sein Ende gefunden hat.
Winfried Martini
Der Sieger schreibt die Geschichte. Anmerkungen zur Zeitgeschichte.
1991 im Universitas Verlag München erschienen.
Gebunden, 281 Seiten. ISBN 3-8004-1224-1
Das Buch ist im Buchhandel inzwischen leider vergriffen, kann aber in den bekannten
Internet-Auktionen, in Antiquariaten und Büchereien gefunden werden.
Winfried Martini, geboren 1905, wandte sich nach dem Studium der Rechtswissenschaften der Publizistik zu. Er war Mitarbeiter namhafter Zeitungen im In- und Ausland. 1943 erhielt er Berufsverbot, Reisen ins Ausland wurden ihm untersagt. Nach dem Krieg arbeitete er über 30 Jahre als Kommentator beim Bayerischen Rundfunk. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen "Das Ende aller Sicherheit" und "Freiheit auf Abruf".