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Vielleicht hatten einzelne meiner literarischen Arbeiten das Glück, von Ew. Durchlaucht bemerkt zu werden. Ich denke: vielleicht meine Aufsätze über den französischen Parlamentarismus, die im Feuilleton der Neuen Freien Presse unter den Titeln Wahlbilder aus Frankreich und Das Palais Bourbon erschienen sind.
Gestützt auf diese fragwürdige und geringe Autorität, bitte ich Ew. Durchlaucht, mich zu einem politischen Vortrage zu empfangen.
Ich will mir nicht etwa auf diese Weise ein Interview erlisten. Durchlaucht gewährten übrigens zuweilen einem Journalisten diese Gunst, und unter andern erfuhr ja auch ein Herausgeber meiner Zeitung in Wien die Auszeichnung, vorgelassen zu werden. Aber ich denke an nichts dergleichen. Ich gebe, wenn es gewünscht wird, mein Ehrenwort, daß ich nichts von dieser Unterredung in Zeitungen veröffentlichen werde, wie kostbar sie auch für meine Erinnerung werden möge.
Und worüber will ich den politischen Vortrag halten? Über die Judenfrage. Ich bin ein Jude und als solcher ad causam legitimiert.
Euer Durchlaucht haben übrigens schon einmal mit einem ebenfalls mandatlosen Juden, Lassalle, über nicht rein jüdische Angelegenheiten gesprochen.
Und was habe ich zur Judensache vorzubringen? Es ist eigentlich recht schwer, das Wort auszusprechen. Denn wenn ich es heraussage, muß die erste Regung jedes vernünftigen Menschen sein, mich aufs Beobachtungszimmer zu schicken - Abteilung der Erfinder von lenkbaren Luftballons.
Ich glaube die Lösung der Judenfrage gefunden zu haben. Nicht eine Lösung, sondern die Lösung, die einzige.
Das ist ein sehr umfangreicher, komplizierter Plan. Ich habe ihn, nachdem er fertig geworden, hier zwei Juden mitgeteilt, einem sehr reichen und einem armen; letzterer ist ein gebildeter Mann. Ich will wahrheitsgemäß sagen, daß der Reiche mich nicht für verrückt hielt. Oder tat er nur aus Delikatesse, als ob ich ihm noch gesund vorkäme? Genug, er ging auf die theoretische Möglichkeit ein und meinte nur schließlich: „Dazu kriegen Sie die reichen Juden nicht, die sind nichts wert.‟ (Ich flehe Ew. Durchlaucht an, dieses Familiengeheimnis nicht zu verraten.)
Beim armen Juden aber war die Wirkung anders. Er schluchzte bitterlich. Anfangs meinte ich - ohne darüber erstaunt zu sein -, daß ich seinen Verstand überwältigt und sein Herz erschüttert habe. Nein! Er hatte nicht als Jude geschluchzt, sondern als Freund. Er war um mich besorgt. Ich mußte ihn aufrichten, ihm schwören, daß nach meiner festen Überzeugung zweimal zwei noch immer vier sei, und daß ich den Tag nicht kommen sehe, an dem zwei parallele Linien zusammentreffen könnten.
Er sagte: „Durch diese Sache machen Sie sich lächerlich oder tragisch!‟
Ew. Durchlaucht, lassen Sie sich meinen Plan vortragen! Im schlimmsten Falle ist er eine Utopie, wie man vom Thomas Morus bis Bellamy deren genug geschrieben hat. Eine Utopie ist um so lustiger, je weiter sie sich von der vernünftigen Welt entfernt.
Daß ich aber jedenfalls eine neue, also unterhaltende Utopie mitbringe, wage ich zu versprechen. Diesem Briefe lege ich einen von mir in der Neuen Freien Presse vor zwei Jahren publizierten Leitartikel über die Arbeitshilfe bei. Nicht als merkwürdige schriftstellerische Leistung schicke ich ihn, sondern weil das Prinzip der Arbeitshilfe einer der vielen Pfeiler ist, auf denen mein Gebäude ruht.
Ich wußte, als ich hier vor zwei Jahren alle diese Anstalten studierte und darüber schrieb, nicht, daß mir das später für die Lösung der Judenfrage dienen würde. Dennoch müßte ich diesen Aufsatz meinem Vortrage vorausschicken. Ich bitte also, ihn vorläufig zur Kenntnis zu nehmen. Es wird ja daraus hervorgehen, daß ich kein Sozialdemokrat bin.
Es wird Ew. Durchlaucht ein leichtes sein, in Hamburg, Berlin oder Wien Erkundigungen einzuholen, ob ich bisher als vernünftiger Mensch galt und ob man mich könne ins Zimmer kommen lassen - bien que ça n'engagerait pas l'avenir. Aber wie ich mir den Fürsten Bismarck vorstelle, brauchen Sie gar keine Erkundigungen mehr, nachdem Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben. Wer so in den Gesichtern, in den Eingeweiden der Menschen liest, der versteht auch das Innere einer Schrift. Nur der Mann, der mit seiner eisernen Nadel das zerrissene Deutschland so wunderbar zusammengenäht hat, daß es gar nicht mehr aussieht wie geflickt - nur der ist groß genug, mir endgültig zu sagen, ob mein Plan ein wirklich erlösender Gedanke ist oder eine scharfsinnige Phantasie.
Ist es ein Roman, so genoß ich die Gunst, Ew. Durchlaucht ein wenig zerstreuen zu dürfen, und stillte dabei meine alte Sehnsucht, mit Ihnen einen Augenblick zu verkehren - eine Sehnsucht, die ich ohne eine so bedeutende Veranlassung nie zu äußern gewagt hätte. Ist es aber wahr, habe ich aber recht, so gehört der Tag, an dem ich nach Friedrichsruh komme, in die Geschichte. Wer will es noch wagen, meinen Plan einen hübschen Traum zu nennen, nachdem der größte lebende Staatskünstler seinen Stempel darauf gedrückt hat? Und für Sie, Durchlaucht, ist es die mit allen stolzen Werken Ihres ruhmvollen Lebens in sittlichem, nationalem und politischem Einklange stehende Beteiligung an der Lösung einer Frage, die, über die Juden weit hinaus, Europa quält.
Die Judenfrage ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kulturvölker auf andere als die von mir geplante Weise auch beim besten Willen nicht fertig werden können. Man hat es mit der Emanzipation versucht, sie kam zu spät. Es nützt nichts, plötzlich im Reichsgesetzblatt zu erklären: „Von morgen ab sind alle Menschen gleich.‟
Dergleichen glauben nur die Politiker auf der Bierbank und ihre höheren Kollegen, die Kathederschwätzer, die Klubfaselhänse. Und es fehlt den letzteren sogar das Beste jener minder gelehrten Übungen, nämlich das Bier!
Hätte man die Juden nicht lieber allmählich zur Emanzipation aufsteigen lassen und bei diesem Aufstieg sanft oder energisch, je nachdem, assimilieren sollen? Vielleicht! Wie? Man hätte sie durch die Mischehe hindurchsieben können und für einen christlichen Nachwuchs sorgen. Aber man mußte die Emanzipation hinter die Assimilation setzen, nicht davor. Das war falsch gedacht. Jedenfalls ist es auch dafür zu spät.
Drängen Sie die Juden gewaltsam zum Lande hinaus, und Sie haben die schwersten wirtschaftlichen Erschütterungen. Ja, selbst eine Revolution, ausschließlich gegen die Juden gerichtet - wenn so etwas denkbar wäre -, brächte den unteren Schichten auch beim Gelingen keine Erleichterung. Das bewegliche Kapital ist unfaßbarer als je geworden. Es versinkt augenblicklich spurlos im Boden, und zwar in der Erde fremder Länder.
Ich will aber nicht von Dingen reden, die unmöglich, zu spät, sondern die an der Zeit sind. Höchstens ist es noch zu früh - denn an das Romanhafte meiner Ideen glaube ich nicht, bevor ich es aus Ihrem Munde höre.
Ist mein Plan nur verfrüht, so stelle ich ihn der deutschen Regierung zur Verfügung. Man wird ihn benutzen, wann man es für gut findet.
Nun muß ich, als ein Planmacher, mit allen Eventualitäten rechnen. Auch auf die, daß Ew. Durchlaucht mir gar nicht antworten oder meinen Besuch ablehnen.
Dann ist mein Plan ein Roman. Denn klarer als ich in diesem Briefe die Berechtigung des Wunsches, Ew. Durchlaucht meine Lösung vorzutragen, nachgewiesen habe - klarer kann ich auch die Möglichkeit der Lösung selbst nicht nachweisen. Dann bin ich auch beruhigt. Dann habe ich einfach geträumt, wie die Utopisten, vom Kanzler Thomas Morus angefangen bis Bellamy.
Ich bitte Ew. Durchlaucht, die Versicherung meiner tiefen Ehrfurcht und Bewunderung entgegenzunehmen.
Theodor Herzl
Pariser Korrespondent der Neuen Freien Presse